Theodor Storm verfasst in seiner späten Schaffensphase mit „Aquis submersus“ (1876), „Renate“ (1878), „Eekenhof“ (1879), „Zur Chronik von Grieshuus“ (1884) und „Ein Fest auf Haderslevhuus“ (1885) eine Reihe von Chroniknovellen, deren Handlung meist um zwei Jahrhunderte zurückliegt und die auch in ihrer Schreibweise den Stil der jeweiligen Epoche nachahmen. Dies hat dem Autor wiederholt den Vorwurf einer romantischen Flucht in die Vergangenheit eingebracht. Bei tiefergehender Betrachtung wird man dieses Urteil jedoch revidieren müssen. In einem Brief an Wilhelm Petersen vom 13. März 1886 lehnt Storm die historische Novellistik als „Zwittergattung von Poesie und Geschichte“ ab. Ihm geht es nicht darum, in der Art eines Felix Dahn eine glorreiche Vergangenheit zu inszenieren. Auch unterscheidet er sich – bei einigen Gemeinsamkeiten – von seinem Kollegen und Zeitgenossen Conrad Ferdinand Meyer, der in seinen historischen Novellen heroische Figuren und bedeutende Handlungen in einem weitläufigen Handlungsraum auf geschichtsidealisierende Weise gestaltet. Bei Storm ist von Idealisierung nichts zu spüren; von einer nostalgischen Flucht in eine heroisierte Vergangenheit kann keine Rede sein. Vielmehr dient ihm die Vergangenheit als Widerspiegelung der Gegenwart, und in seinen Chroniknovellen artikuliert der seine Gegenwart überraschend klar sehende Storm sowohl Gesellschaftskritik als auch einen in fast allen seiner Novellen durchscheinenden Geschichtspessimismus.
Inhaltsverzeichnis
- Einführung
- 1. Im Spannungsfeld von Romantik und Naturalismus
- 2. Feudalismus- und Kriegskritik
- 3. Illusion einer bürgerlich-demokratischen Neuordnung
- 4. Geschichtspessimismus und Zukunftsangst
- Rezeption und Ausblick
- Literaturhinweise
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht den Geschichtspessimismus und die Gesellschaftskritik in den Chroniknovellen Theodor Storms. Sie analysiert die Motive und Themen, die in diesen Novellen zum Ausdruck kommen, und beleuchtet die Beziehung zwischen Storms literarischem Werk und den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Zeit.
- Die Verbindung von Romantik und Naturalismus in Storms Chroniknovellen
- Die Kritik am Feudalismus und an den Herrschaftsansprüchen des Adels
- Die Darstellung von Geschichtspessimismus und Zukunftsangst
- Die Suche nach einer bürgerlich-demokratischen Neuordnung
- Die Rolle der Vergangenheit als Spiegelbild der Gegenwart
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik der Chroniknovellen Theodor Storms ein und stellt die zentralen Motive und Themen der Arbeit vor. Sie beleuchtet die Besonderheiten von Storms Spätwerk und die Rezeption seiner Novellen.
Das erste Kapitel analysiert die Verbindung von Romantik und Naturalismus in Storms Chroniknovellen. Es zeigt, wie Storm in seinen Novellen Elemente der Romantik mit naturalistischen Tendenzen verbindet und wie diese Verbindung die Darstellung von Gesellschaft und Geschichte beeinflusst.
Das zweite Kapitel befasst sich mit der Kritik am Feudalismus und an den Herrschaftsansprüchen des Adels in Storms Novellen. Es analysiert die Darstellung des Adels als despotischer und ungebildeter Klasse und die Gegenüberstellung des Adels mit einer humanen und vernünftigen bürgerlichen Figur.
Das dritte Kapitel untersucht die Illusion einer bürgerlich-demokratischen Neuordnung in Storms Chroniknovellen. Es analysiert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen.
Schlüsselwörter
Die Schlüsselwörter und Schwerpunktthemen des Textes umfassen den Geschichtspessimismus, die Gesellschaftskritik, die Chroniknovelle, Theodor Storm, Romantik, Naturalismus, Feudalismus, Adel, Bürgertum, Neuordnung, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunftsangst, und die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.
Häufig gestellte Fragen
Was sind Theodor Storms Chroniknovellen?
Es handelt sich um Storms Spätwerk (z.B. „Aquis submersus“), dessen Handlung meist zwei Jahrhunderte zurückliegt und den Stil vergangener Epochen nachahmt.
Betreibt Storm eine romantische Flucht in die Vergangenheit?
Nein, die Arbeit zeigt, dass die Vergangenheit bei Storm als Spiegelbild der Gegenwart dient, um Gesellschaftskritik und Geschichtspessimismus zu artikulieren.
Welche Kritik übt Storm am Feudalismus?
Er stellt den Adel oft als despotische Klasse dar und kontrastiert ihn mit humanen, bürgerlichen Werten.
Was versteht man unter Storms Geschichtspessimismus?
Es ist die durchscheinende Zukunftsangst und die Skepsis gegenüber dem Fortschritt, die in fast allen seinen späten Novellen präsent ist.
Wie verbindet Storm Romantik und Naturalismus?
Die Arbeit analysiert, wie Storm romantische Stilelemente mit einer fast schon naturalistischen, ungeschönten Darstellung sozialer Missstände verknüpft.
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- Nathalie Klepper (Author), 2005, Geschichtspessimismus und Gesellschaftskritik in den Chroniknovellen Theodor Storms, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113960