Gemeinsam mit Johann Wolfgang von Goethe stand Friedrich Schiller der Französischen Revolution des Jahres 1789 zweifelnd und kritisch gegenüber . Besonders die Diktatur der Gewaltexzesse, Willkür und Brutalität, namentlich unter Robespierre, erzeugte nicht nur in den beiden bedeutendsten deutschen Literaten des 18. Jahrhunderts ein Gefühl der Unrechtmäßigkeit und fehlenden Autorität bzw. Legitimität dieser Umwälzungen.
Unumstritten ist, dass Schillers „Wilhelm Tell“ durch die Ereignisse in Frankreich inspiriert wurde.
Dennoch ist die Annahme, es handle sich bei diesem Drama um eine literarische Umsetzung der revolutionären Geschehnisse, fehlerhaft und wurde durch die moderne Literaturwissenschaft mehrfach widerlegt. Dieter Borchmeyer bezeichnet den Schillerschen Freiheitskampf der Schweizer als „politisch-ästhetisches Gegenmodell“ zur „chaotischen Willkür“ der Französischen Revolution.
Die Grundlagen zur Konstruktion des Handlungsstranges sowie der Figurencharaktere und des Figurenhabitus im „Wilhelm Tell“ finden sich in den 1795 erschienen Schriften Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“. Dort entstanden konkrete staatsphilosophische Ideen und Bewertungshorizonte des Autors.
Aufgabe der folgenden Arbeit soll es nun sein, genau diese Affinitäten zwischen den Briefen zur „ästhetischen Erziehung“ und dem Drama „Wilhelm Tell“ herauszuarbeiten und anschließend zu analysieren.
Dazu folgt im Anschluss ein kurzer Überblick zu den Theorien der Schillerschen Staatsphilosophie. Anschließend soll anhand ausgewählter Szenen des Dramas die Existenz der Parallelität nachgewiesen werden und entsprechend dem vorgegeben Wertekanon des Autors betrachtet werden. Es entspricht dem Wesen eines Dramas, dass die Handlung bzw. das Verhalten einzelner Figuren oder Figurenkonstellationen im Mittelpunkt steht. Diese Grundstruktur findet sich natürlich auch im „Wilhelm Tell“. Aus diesem Grund erfolgt die Ausarbeitung und Analyse anhand bestehender Figurenkonstellationen im Drama selbst. Dabei konnte nur auf die dominantesten und vordergründigsten Rücksicht genommen werden, da sonst die Sprengung des Rahmens einer Hausarbeit drohen würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schillers Staats- und Sozialisierungsphilosophie
2.1 Der Naturstaat, die Fiktion des Naturzustandes, der Staat und der Gesellschaftsvertrag
2.2 Kündigung des Gesellschaftsvertrages, Revolution und die Rolle der Ästhetischen Erziehung
3. Analyse des Dramas
3.1 Der Bruch des Gesellschaftsvertrages und die Reaktionen der Schweizer
3.2 Das Treffen am Rütli als Abschluss eines neuen Gesellschaftsvertrages
3.3 Die Entwicklung der „Außenstehenden“: Wilhelm Tell und Ulrich von Rudenz
3.4 Die Befreiung der Kantone durch den Tod des Hermann Geßler und die Reaktionen der Schweizer
4. Abschlussbetrachtung
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Drama „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller im Kontext seiner staatsphilosophischen Schriften, insbesondere der „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Das Hauptziel besteht darin, die Affinitäten zwischen Schillers theoretischen Modellen zur legitimen Revolution und der konkreten Figurenentwicklung sowie Handlung im Drama herauszuarbeiten und zu analysieren, wobei auch die warnende Intention des Autors hinsichtlich der Gefahren revolutionärer Willkür beleuchtet wird.
- Staatsphilosophie und Naturzustand bei Schiller
- Strukturanalyse des Gesellschaftsvertrages im Drama
- Figurenpsychologie: Tell, Stauffacher, Rudenz und Melchtal
- Revolutionslegitimation und die Rolle der Ästhetischen Erziehung
- Wilhelm Tell als politisch-ästhetisches Gegenmodell
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Bruch des Gesellschaftsvertrages und die Reaktionen der Schweizer
Der Bruch bzw. die zunächst „nur“ scheinbare Verwässerung des Rechtszustandes, der die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden unter die Regentschaft des Kaisers stellt, wird erstmals im zweiten Auftritt des ersten Aufzuges angesprochen.
Im Gespräch zwischen Werner Stauffacher und dessen Gattin Gertrud beschreibt dieser den Zustand des bestehenden Gesellschaftsvertrages mit folgendem Gleichnis: „Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, Doch ach – es wankt der Grund, auf dem wir bauten.“ Es folgt ein kurzer Monolog Stauffachers, der die Ursache seiner Betrübnis, nämlich den Verlust der traditionellen Selbstbestimmung des Hirtenvolkes der Schweizer durch die Installierung der Reichsvögte, erläutert. Der anschließende Dialog mit seiner Ehefrau Gertrud macht deutlich, dass die Furcht in den Konsequenzen des Verlustes der alten Rechtzustände gründet. Gertrud ist es auch, die in voller Klarheit ausspricht bzw. bekräftigt, was Stauffacher bisher nur im Stillen befürchtete, aber längst zur Realität geworden ist – der Bruch des Gesellschaftsvertrages.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die kritische Haltung Schillers gegenüber der Französischen Revolution ein und skizziert die methodische Absicht, die staatsphilosophischen Affinitäten in „Wilhelm Tell“ zu untersuchen.
2. Schillers Staats- und Sozialisierungsphilosophie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Naturzustands, des Gesellschaftsvertrages und der Rolle der Ästhetischen Erziehung als stabilisierendes Element im Staat.
2.1 Der Naturstaat, die Fiktion des Naturzustandes, der Staat und der Gesellschaftsvertrag: Hier wird Schillers Unterscheidung zwischen dem „physischen Menschen“ im Notstaat und der moralischen Vernunftbegabung dargelegt, die zur Fiktion eines Rechtszustands führt.
2.2 Kündigung des Gesellschaftsvertrages, Revolution und die Rolle der Ästhetischen Erziehung: Das Kapitel behandelt die Bedingungen, unter denen ein Gesellschaftsvertrag als legitim auflösbar gilt und wie ästhetische Erziehung das Abgleiten in die Tyrannei verhindern soll.
3. Analyse des Dramas: In diesem Hauptteil wird die theoretische Staatsphilosophie auf die Figurenkonstellationen und Handlungsstränge von Schillers Drama angewendet.
3.1 Der Bruch des Gesellschaftsvertrages und die Reaktionen der Schweizer: Diese Analyse beleuchtet, wie die Figuren den Vertragsbruch wahrnehmen und welche unterschiedlichen Reaktionen daraus für die Eidgenossen resultieren.
3.2 Das Treffen am Rütli als Abschluss eines neuen Gesellschaftsvertrages: Die Rütli-Szene wird als Akt der Neukonstituierung eines rechtlichen Bündnisses interpretiert, das trotz emotionaler Spannungen nach Stabilität strebt.
3.3 Die Entwicklung der „Außenstehenden“: Wilhelm Tell und Ulrich von Rudenz: Dieses Kapitel untersucht, wie sich die Außenseiter Tell und Rudenz im Laufe des Dramas zum bestehenden Konflikt und dem neuen Bündnis positionieren.
3.4 Die Befreiung der Kantone durch den Tod des Hermann Geßler und die Reaktionen der Schweizer: Hier wird der Befreiungsschlag durch Tells Mord an Geßler analysiert und in den Kontext der moralischen Zerrissenheit der Protagonisten gestellt.
4. Abschlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass „Wilhelm Tell“ kein einfaches Gegenmodell zur Französischen Revolution ist, sondern eine differenzierte Darstellung menschlicher Abgründe unter politischem Druck.
5. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet die verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Primärtexte auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, Staatsphilosophie, Gesellschaftsvertrag, Revolution, Naturzustand, Ästhetische Erziehung, Aufklärung, Eidgenossen, Identität, Souveränität, Tyrannei, Humanität, Rechtszustand, Politische Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen Schillers staatsphilosophischen Schriften und seinem Drama „Wilhelm Tell“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Legitimität von Revolutionen, der Gesellschaftsvertrag, die Rolle von Emotionen in politischen Prozessen und der Status des Naturrechts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schiller seine ästhetisch-politische Philosophie in der Handlung und den Figuren des Dramas umgesetzt und kritisch hinterfragt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Schillers dramatische Szenen mit seinen philosophischen Briefen zur „Ästhetischen Erziehung“ vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Reaktionen der Schweizer auf den Vertragsbruch, das Treffen auf dem Rütli, die Entwicklung einzelner Figuren wie Tell und Rudenz sowie die Konsequenzen der Befreiung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem der Gesellschaftsvertrag, die Fiktion des Naturzustands, Schillers Evolutionsphilosophie und die Abgrenzung zur Französischen Revolution.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Ulrich von Rudenz im Verlauf des Dramas?
Rudenz entwickelt sich vom opportunistischen, kaisertreuen Adeligen zu einem verantwortungsbewussten Mitglied der Eidgenossen, motiviert durch seine Liebe zu Bertha von Bruneck und das Erwachen seines patriotischen Bewusstseins.
Warum wird Wilhelm Tell als „Außenstehender“ eingeordnet?
Tell agiert anfangs apolitisch und zieht seine Autorität primär aus der Natur und seinem persönlichen Verstand, statt aus staatlichen Institutionen oder dem formellen Bündnis der Kantone.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur revolutionären Gewalt im Drama?
Der Autor schließt, dass Schillers Drama als Mahnung verstanden werden muss: Die „Kaskade der Gewalt“, die durch persönliche Rache ausgelöst wird, birgt die Gefahr, in Tyrannei umzuschlagen, selbst in einem legitim erscheinenden Freiheitskampf.
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- Christoph Effenberger (Autor:in), 2002, Wilhelm Tell. Umsetzung, Analyse und Interpretation der Staatsphilosophie Friedrich Schillers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113354