In der Rezeption des Werkes von García Lorca wurde seit jeher das „fenómeno andaluz“ als poetologischer Konstitutionsgrund und damit als Schlüssel zum Verständnis sowohl seiner Lyrik wie seiner Dramen verstanden. Doch eröffneten sich damit zugleich Möglichkeiten des Missverstehens, die von der Klassifikation als eines Sonderfalls der kostumbristischen Literatur bis zur Drapierung mit folkloristischen Werbegags reichen. Wie schwierig das „fenómeno andaluz“ in seiner Bedeutung zu fassen ist, kann die Äußerung von Jorge Luis Borges bezeugen, dass García Lorca auf ihn wie ein professioneller Andalusier gewirkt habe. Als sich in der Poetik Lorcas manifestierender „andalucismo“ ist dieses Phänomen jedenfalls schlichtweg nicht zu definieren, sondern nur als eine enge Verwobenheit der poetischen Visionen mit der „andalusischen Realität“, mit ihren kulturellen, historischen, ethnischen und naturbedingten Kontexten beschreibbar.
Angeleitet von Essays der Hispanisten Allen Josephs und Juan Caballero, die den Werkausgaben vorangestellt sind, aber in durchaus eigenständiger Gedankenarbeit stellt der Autor die Schwierigkeiten bei der Erfassung des „fenómeno andaluz“ am Anfang seiner Arbeit klar, umsichtig und facettenreich dar. Dies dient lediglich als Grundlegung für die folgendenden, in überzeugender Systematik auf einander bezogenen Darstellungen und Analysen zentraler Aspekte seines Gegenstandes: der in Analogie zu Jurij M. Lotmans „Semantisierung des Raumes“ konzipierten „Semantisierung des Andalusischen“. Denn jedes der folgenden, etwa gleich großen Einzelkapitel diskutiert jeweils eingehend die Spezifika der dort näher betrachteten Semantisierungen.
Diese ausführlich dargestellten zentralen Aspekte betreffen die „Semantik der Archaisierung“ mit einem Brückenschlag zur Tragödie der griechischen Klassik und zu den in die Tradition Andalusiens eingegangenen Mythen; ferner die sprachliche und soziokulturelle Fundierung in andalusischen Kontexten; dann die sich mit dem Andalusischen verbindende räumliche Semantisierung. Die Conclusio stellt in über- zeugender Weise die Einheitlichkeit der in der Forschung als „dramas rurales“ benannten Werke im Licht der Semantisierung des Andalusischen dar. Die Einzel-kapitel sind in der Argumentation wie in dem zum jeweils folgenden Abschnitt überleitenden Resümee eng auf einander bezogen und formen eine sehr kohärente und schlüssige Gesamtanalyse des Gegenstandes.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung:
- Die Semantisierung des Andalusischen
- „Dramas rurales“ contra „teatro rural“: Gegensätzliche Inszenierung des ländlichen Andalusiens.
- „Lo andaluz“: Quintessenz des Spanischen im 19. Jahrhundert
- ,,Las dos Andalucías“: Die kulturelle Identität des Andalusischen....
- Semantik der Archaisierung:
- Archaische Elemente in Bodas de sangre und Yerma....
- ,,Hay que volver a la tragedia“: Griechisch-andalusische Tragödie
- ,,Lo arcaico y lo andaluz“: Inszenierung eines archaischen Andalusiens.
- ,,Vientre seco, agua santa“: Archaischer Fruchtbarkeitskult..
- Sprachsemantik:
- Das Andalusische als sprachlicher und soziokultureller Bezugspunkt
- ,,¡Ay pastora, que la luna asoma!”: Die Funktion des „Lyrismus”
- „Los hombres, hombres, el trigo, trigo“: Inszenierte ländliche Sprache..
- „El qué dirán“: Öffentliche Meinung und Ehrenkodex.........
- Raumsemantik:
- Räumliche Semantisierung des Andalusischen
- „¡Yo quiero salir!“: Semantisierung des „geschlossenen“ Raumes
- „Abrir puertas y ventanas“: Inszenierung des „,offenen” Raumes
- ,,Un documental fotográfico“: Realismus und Stilisierung....
- Conclusio
- Semantische Einheitlichkeit der „,dramas rurales".
- Bibliographie.
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Magisterarbeit befasst sich mit der Semantisierung des Andalusischen in den „dramas rurales“ von García Lorca. Ziel ist es, die spezifische Bedeutung des Andalusischen in Lorcas dramatischem Werk zu untersuchen und aufzuzeigen, wie Lorca das Andalusische als sprachlichen, kulturellen und räumlichen Bezugspunkt in seinen Stücken verwendet. Die Arbeit analysiert die verschiedenen Aspekte der Semantisierung des Andalusischen, darunter die Archaisierung, die Sprachsemantik und die Raumsemantik.
- Die Bedeutung des Andalusischen als kulturelle und nationale Identität in Spanien
- Die Rolle der Archaisierung und des „Lyrismus“ in Lorcas „dramas rurales“
- Die Inszenierung der ländlichen Sprache und des „qué dirán“ in Lorcas Stücken
- Die räumliche Semantisierung des Andalusischen und die Bedeutung von „geschlossenen“ und „offenen“ Räumen
- Die Verbindung von Realismus und Stilisierung in Lorcas „dramas rurales“
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt den historischen und kulturellen Kontext der „dramas rurales“ von García Lorca dar. Sie beleuchtet die Bedeutung des Andalusischen als kulturelle Identität in Spanien und die Rolle des „andalucismo“ in Lorcas Werk. Die Einleitung führt außerdem in die Thematik der Semantisierung des Andalusischen ein.
Das Kapitel „Semantik der Archaisierung“ untersucht die Verwendung archaischer Elemente in Lorcas „dramas rurales“. Es analysiert die Rolle der griechischen Tragödie und die Inszenierung eines archaischen Andalusiens in Bodas de sangre und Yerma. Außerdem wird der archaische Fruchtbarkeitskult in Lorcas Stücken beleuchtet.
Das Kapitel „Sprachsemantik“ befasst sich mit der Verwendung der andalusischen Sprache in Lorcas „dramas rurales“. Es analysiert die Funktion des „Lyrismus“ und die Inszenierung der ländlichen Sprache in Lorcas Stücken. Außerdem wird die Bedeutung des „qué dirán“ und des Ehrenkodex in Lorcas Werk untersucht.
Das Kapitel „Raumsemantik“ analysiert die räumliche Semantisierung des Andalusischen in Lorcas „dramas rurales“. Es untersucht die Bedeutung von „geschlossenen“ und „offenen“ Räumen in Lorcas Stücken und die Verbindung von Realismus und Stilisierung in Lorcas Werk.
Schlüsselwörter
Die Schlüsselwörter und Schwerpunktthemen des Textes umfassen die „dramas rurales“ von García Lorca, die Semantisierung des Andalusischen, die kulturelle Identität, die Archaisierung, die Sprachsemantik, die Raumsemantik, der „Lyrismus“, die ländliche Sprache, der „qué dirán“, der Ehrenkodex, der Realismus und die Stilisierung.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet "Semantisierung des Andalusischen" bei Lorca?
Damit ist gemeint, dass Lorca Andalusien nicht bloß als Kulisse nutzt, sondern andalusische Elemente (Sprache, Mythen, Räume) mit tieferer poetischer Bedeutung auflädt, um universelle menschliche Tragödien darzustellen.
Welche Werke zählen zu den "dramas rurales"?
Zu Lorcas ländlichen Dramen zählen insbesondere "Bodas de sangre" (Bluthochzeit) und "Yerma", in denen die andalusische Realität eng mit tragischen Visionen verwoben ist.
Welche Rolle spielt die Archaisierung in Lorcas Stücken?
Lorca schlägt eine Brücke zwischen dem ländlichen Andalusien und der griechischen Tragödie. Er nutzt archaische Symbole wie Fruchtbarkeitskulte und Mythen, um zeitlose Konflikte zu inszenieren.
Wie nutzt Lorca die andalusische Sprache im Drama?
Er verwendet eine stilisierte Form der ländlichen Sprache, die durch "Lyrismus" geprägt ist. Dabei geht es weniger um Realismus als um die emotionale und soziokulturelle Fundierung der Charaktere.
Was ist der "Ehrenkodex" in diesem Kontext?
Der Ehrenkodex und das "qué dirán" (was die Leute sagen werden) sind zentrale soziokulturelle Motive, die das Handeln der Figuren in der geschlossenen andalusischen Gesellschaft bestimmen und oft in die Katastrophe führen.
Wie wird der Raum in den Dramen semantisiert?
Lorca unterscheidet zwischen "geschlossenen" Räumen (Häuser als Gefängnisse) und "offenen" Räumen (Natur als Ort der Freiheit oder Gefahr), was die innere Verfassung der Protagonisten widerspiegelt.
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- Achim Binder (Author), 2008, Die Semantisierung des Andalusischen in den „dramas rurales“ von García Lorca , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112740