Wie kann der Diskurs um die Wechselbeziehung zwischen Behinderung und Geschlecht in Bezug auf die Identitätsentwicklung von Mädchen und jungen Frauen systematisiert und aufbereitet werden und welche Berücksichtigung findet dieser Zusammenhang in der inklusiven Pädagogik? Dieser Fragestellung soll in der folgenden Arbeit nachgegangen werden. Dazu werden die relevantesten Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre im oben genannten Forschungsbereich berücksichtigt, wobei zunächst die Beschaffenheit der Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Behinderung beleuchtet werden und im Anschluss daran ein genauerer Blick auf die Schwerpunkte Normalität und Normvorstellungen, Körper und Naturalisierung geworfen wird. Darauffolgend wird im Kontext dieses Diskurses die (Geschlechts)Identitätsentwicklung von behinderten Mädchen und jungen Frauen betrachtet. Wie die Wechselwirkungen von Geschlecht und Behinderung in der Identitätserziehung und inklusiven Pädagogik Beachtung finden könnten, soll abschließend ausblicksartig diskutiert werden.
Intersektionalität ist aus den Gender Studies und vielen weiteren Forschungsbereichen nicht mehr wegzudenken, seit Kimberle Crenshaw in ihrem Artikel Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989) die Intersektionalitätsanalyse entwickelte, die einen veränderten Blick auf scheinbar unsichtbare Diskriminierungen in der Gesellschaft zuließ. Als Travelling Concept fand Intersektionalität auch in den Disability Studies Anklang. Behinderte Frauen sahen sich selbst ebenso in einer wie der von Crenshaw aufgezeigten Situation. Unbeachtet im feministischen Diskurs und der Behindertenbewegung – quasi unsichtbar. Helma Lutz schlug 2001 die Brücke zu den Erziehungswissenschaften und stellte somit die Bedeutung der Intersektionalitätsanalyse für die inklusive Pädagogik heraus. Einen besonderen Fokus im Kontext von Behinderung und Geschlecht legten Bettina Bretländer und Ulrike Schildmann (2004). Sie setzten sich mit der Herstellung von Identität in eben jener Interdependenz auseinander.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1 Behinderung
2.2 Geschlecht
2.3 Identität
2.4 Intersektionalität
3. Behinderung und Geschlecht
3.1 Allgemeine Beobachtungen
3.2 Normalität und Normalisierung
3.3 Körper
3.4 Die Frage der Naturalisierung
4. Identitätsarbeit behinderter Mädchen und Frauen
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Wechselbeziehung zwischen den Strukturkategorien Behinderung und Geschlecht und analysiert deren Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung von Mädchen und jungen Frauen. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie dieser Zusammenhang systematisiert werden kann und welche Bedeutung ihm in der inklusiven Pädagogik zukommt.
- Intersektionalitätsanalyse als grundlegendes Forschungsparadigma
- Diskurs über Normalitätsvorstellungen und Naturalisierungsprozesse
- Die Rolle des Körpers bei der Identitätskonstruktion
- Herausforderungen der Identitätsarbeit in pädagogischen Institutionen
- Reflexion über Machtverhältnisse und soziale Ausgrenzung
Auszug aus dem Buch
2.4 Intersektionalität
Der Beschreibung des Diskurses des Zusammenhangs von Geschlecht und Behinderung soll als grundlegendes Analyseinstrument das Paradigma der Intersektionalität dienen. Der Begriff der Intersektionalität wurde durch Kimberle Crenshaw in ihrer Arbeit Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989) entwickelt und beschreibt die mehrdimensionale Verknüpfung und interdependenten Wechselwirkungen zwischen mindestens zwei Differenzkategorien, die sich ebenfalls nicht hierarchisch darstellen (vgl. Raab, 2007, S. 128). Die zuvor eher eindimensionalen und additiven Betrachtungsweisen von Kategoriezusammenhängen wurde mit dem Aufkommen dieses Konzeptes kritisiert und teilweise auch überwunden (vgl. Walgenbach, 2012, S. 11). Von besonderer Bedeutung für das Prinzip der Intersektionalität, ist die Straßenkreuzungsmetapher von Crenshaw (1989), an der sich zwei Differenzkategorien treffen und Diskriminierung von einer oder mehr Seiten geschehen kann:
Consider an analogy to traffic in an intersection, coming and going in all four directions. Discrimination, like traffic through an intersection, may flow in one direction, and it may flow in another. If an accident happens in an intersection, it can be caused by cars traveling from any number of directions and, sometimes, from all of them (Crenshaw, 1989, S. 149).
Crenshaws Ideen und Ausführungen zur Intersektionalität sind als Travelling Concept zunächst in den Gender Studies bekannt geworden und haben danach auch ihren Weg in die Disability Studies sowie, dank Halma Lutz (2001), auch in die Erziehungswissenschaften gefunden (vgl. Walgenbach, 2015, S. 122).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Intersektionalität für die Disability Studies ein und formuliert das Ziel, die Identitätsentwicklung behinderter Mädchen systematisch zu untersuchen.
2. Begriffsdefinitionen: Hier werden die zentralen theoretischen Begriffe Behinderung, Geschlecht, Identität und Intersektionalität definiert, um ein gemeinsames Verständnis für die weitere Analyse zu schaffen.
3. Behinderung und Geschlecht: Dieses Kapitel beleuchtet die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den beiden Strukturkategorien, insbesondere im Hinblick auf Normalitätsdiskurse und Körpertheorien.
4. Identitätsarbeit behinderter Mädchen und Frauen: Der Abschnitt analysiert, wie institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Stereotype die Identitätsfindung behinderter Mädchen und Frauen erschweren.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Notwendigkeit einer inklusiven Pädagogik, die sich aktiv mit der Auflösung stereotypischer Rollenvorstellungen befasst.
Schlüsselwörter
Intersektionalität, Behinderung, Geschlecht, Identitätsarbeit, Disability Studies, Gender Studies, Normalisierung, Körper, Inklusion, pädagogische Institutionen, Diskriminierung, Heteronormativität, Identitätsbildung, soziale Ungleichheit, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Verschränkung der Kategorien Behinderung und Geschlecht und deren Einfluss auf die Lebenswelt und Identitätsentwicklung von Mädchen und Frauen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft Erkenntnisse aus den Gender Studies, den Disability Studies sowie der Erziehungswissenschaft, um Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung aufzuzeigen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Diskurs über die Wechselwirkung von Geschlecht und Behinderung systematisch aufzuarbeiten und die Bedeutung dieser Perspektive für eine inklusive pädagogische Praxis herauszustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine diskursanalytische Herangehensweise, indem sie relevante Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre zusammenträgt und theoretisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Begriffe, eine Untersuchung der Wechselwirkung von Behinderung und Geschlecht (mit Fokus auf Körper und Normalität) sowie die spezifische Analyse der Identitätsarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Intersektionalität, Identitätsarbeit, Normalisierung, Disability Studies und Inklusion.
Welche Rolle spielen "Torwächterprozesse" in dieser Analyse?
Die Arbeit diskutiert, wie pädagogische Fachkräfte (Torwächter*innen) durch die Nutzung klassifizierender Systeme unbeabsichtigt Identitätsarbeit behinderter Mädchen in defizitorientierte Richtungen lenken können.
Warum wird das Konzept der "kollektiven Erfahrung" kritisch betrachtet?
Das Konzept wird als kritisch angesehen, da es die Gefahr einer Essentialisierung von Unterdrückung birgt und die Vielfalt individueller Lebensrealitäten hinter einer vermeintlichen Gruppenidentität unsichtbar machen kann.
- Quote paper
- Laura-Marie Siebert (Author), 2020, Intersektionalität von Geschlecht und Behinderung. Auswirkungen auf die Identitätsarbeit von behinderten Mädchen und Frauen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1005509