Tag für Tag bedienen wir uns unserer deutschen Muttersprache, ohne uns groß darüber Gedanken zu machen; manchmal suchen wir nach Worten, aber über die Aussprache machen wir uns kaum Sorgen, die „kommt automatisch“. Für einen Ausländer sieht das natürlich ganz anders aus, und schon wer aus einem anderen Dialektgebiet kommt, stockt bisweilen, bevor er ein Wort ausspricht, in der Sorge, vielleicht nicht verstanden oder ausgelacht zu werden; zu deutlich ist der nicht-standardgemäße Akzent.
Wäre dieser nun sehr hinderlich dabei, einem Ausländer die deutsche Sprache zu vermitteln? Muss man zu diesem Zweck in allen Situationen wie ein norddeutscher Nachrichtensprecher im Fernsehen sprechen (dessen Akzent in Österreich stark „piefke“-mäßig markiert wäre)? Oder darf man den eigenen Standard lehren und beispielsweise für König die Aussprache ['kø:nIk] statt ['kø:nIç] lehren? Was ist überhaupt der Aussprachestandard des Deutschen, und inwieweit wird er entsprechend realisiert? Gibt es nur einen Standard, der für DaF-Lerner geeignet wäre, oder mehrere?
Um diese Fragen zu beantworten, wird zunächst den Standard und seine Gültigkeit betrachtet, ferner seine Varianten in Stil, Situation und Region, um dann zu sehen, welche Konsequenzen sich für die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache daraus ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Was ist der Standard?
2.2 Die Geschichte
2.2.1 Theodor Siebs
2.2.2 Wilhelm Viëtor
2.2.3 Das Wörterbuch der deutschen Aussprache
2.2.4 Der Aussprache-Duden
2.3 Varianten des Standards
2.3.1 Stilistische Formstufen der Aussprache
2.3.2 Lento- und Prestoformen
2.3.3 Standard versus Dialekt
2.4 Unterschiede in der Aussprache: die Lautschwächungen
2.4.1 Reduktionen und Elisionen
2.4.2 Assimilationen
2.4.3 R-Variationen
2.4.4 Konsonantenschwächungen
2.4.5 Fehlender Glottisschlag
2.4.6 Raffungen und Schwächungen
2.5 Probleme für DaF
2.5.1 Eine Mischung verschiedener Regiolekte
2.5.2 „Ein Deutsch“ versus „mehrere Deutsch“
3 Schlusswort
4 Bibliographie
Zielsetzung und Themenfelder
Die Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen dem normativen Aussprachestandard des Deutschen und der tatsächlich gesprochenen Gebrauchsnorm, um daraus didaktische Konsequenzen für die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache (DaF) abzuleiten. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob ein einziger, oft realitätsfremder Standard für Lernende zielführend ist oder ob eine stärkere Berücksichtigung regionaler und stilistischer Varianten pädagogisch sinnvoller erscheint.
- Historische Entwicklung der Standardisierung (Siebs, Viëtor, Duden).
- Stilistische Formstufen der Aussprache und Sprechgeschwindigkeit.
- Phonetische Lautschwächungsprozesse in der gesprochenen Sprache.
- Die Rolle regionaler Regiolekte im Spannungsfeld zur Standardsprache.
- Didaktische Strategien und Herausforderungen für DaF-Lehrkräfte.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Theodor Siebs
Siebs arbeitete mit einer Kommission zusammen, die sich aus Sprachforschern und Bühnenleitern zusammensetzte, und die erarbeitete Norm verstand sich in erster Linie als Beschreibung des Bühnenstandards, jedoch auch bereits als Vorgabe für die Aussprache des Deutschen in Zweifelsfällen und in Situationen, in denen die Realisierung einer neutral hochdeutschen Aussprache unabdingbar ist, wie etwa bei öffentlichen Reden. Man muss sich dazu vor Augen halten, dass an Schauspieler und Redner damals ganz andere Anforderungen gestellt wurden als heute, vor allem aufgrund der Tatsache, dass es noch keine Mikrofone gab: Um bis in die letzten Reihen verstanden zu werden, war nicht nur eine laute Stimme, sondern auch eine möglichst klare Aussprache vonnöten, so dass die als Vorbild dienende Theaternorm übertriebene und künstlich wirkende Deutlichkeit aufwies, die sogenannte Überartikulation.
Siebs‘ 1898 erscheinendes Werk trug den Titel Deutsche Bühnenaussprache, und bis zum heutigen Tag sind davon 18 Neuauflagen erschienen, die letzte (19. überarbeitete Wiederauflage) im Jahre 2000 – trotz der offensichtlichen Tatsache, dass die dargestellte Norm in vielen Aspekten realitätsfern ist und selbst zur Zeit ihrer Entstehung nicht einmal von Berufssprechern zu 100% so realisiert wurde.
Als Vorbild dienten die Theaterbühnen Berlins, denn zu jener Zeit lag der kulturpolitische Mittelpunkt Deutschlands in Preußen, woraus sich erklärt, dass der heute geltende Standard eine „hochdeutsche Sprachform in niederdeutscher Aussprache“ (W. Viëtor) ist. Gefordert wurden größtmögliche Deutlichkeit (die sich am Schriftbild orientierte) und Unveränderlichkeit der Einzellaute, unabhängig von Redesituation oder Kontext.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der Aussprache im DaF-Kontext und stellt die Frage, welcher Aussprachestandard für Lernende angemessen und realisierbar ist.
2 Hauptteil: Der Hauptteil analysiert historisch gewachsene Normen (Siebs, Viëtor, Duden), differenziert zwischen stilistischen Aussprachevarianten und untersucht phonetische Lautschwächungsprozesse sowie die Rolle der Dialekte.
2.1 Was ist der Standard?: Dieses Unterkapitel definiert den Begriff Standard im Kontext der deutschen Sprache und weist auf die Diskrepanz zwischen normativen Werken und der realen Gebrauchsnorm hin.
2.2 Die Geschichte: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der deutschen Aussprachenormierung von den Anfängen der Bühnenaussprache bis hin zu modernen Aussprache-Wörterbüchern nach.
2.3 Varianten des Standards: Hier werden die verschiedenen Ebenen der Aussprache, von förmlichen Rezitationen bis zur Gesprächsstufe, sowie die Einflüsse von Sprechgeschwindigkeit und Dialekt auf die Standardnorm betrachtet.
2.4 Unterschiede in der Aussprache: die Lautschwächungen: Dieses Kapitel bietet eine detaillierte linguistische Aufarbeitung von Reduktionserscheinungen wie Elisionen, Assimilationen und Lautschwächungen im Redefluss.
2.5 Probleme für DaF: Die abschließenden Unterpunkte des Hauptteils diskutieren die didaktischen Herausforderungen für DaF-Lehrkräfte und die Frage, inwieweit ein einziger oder mehrere Standards als Lehrmodell dienen sollten.
3 Schlusswort: Das Schlusswort resümiert den Wandel von präskriptiven zu deskriptiven Normen und plädiert für einen bewussten Umgang mit Varianz im DaF-Unterricht.
4 Bibliographie: Das Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur und Quellen.
Schlüsselwörter
Standardaussprache, Deutsch als Fremdsprache, DaF, Lautschwächung, Bühnenaussprache, Theodor Siebs, Wilhelm Viëtor, Aussprache-Duden, Regiolekt, Elision, Assimilation, Lentoform, Prestoform, Sprachnorm, phonetische Variation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der normativen deutschen Standardsprache und der tatsächlich gesprochenen Realität, insbesondere mit Blick auf die Anforderungen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Ausspracheregelwerke, die linguistische Beschreibung von Lautschwächungen sowie die didaktische Einordnung von regionalen und stilistischen Aussprachevarianten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, welcher Aussprachestandard für DaF-Lernende geeignet ist und wie Lehrkräfte mit der Diskrepanz zwischen idealer Norm und gelebter Sprache umgehen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer fundierten Auswertung linguistischer Fachliteratur, historischer Aussprachekodifizierungen und phonetischer Forschungsergebnisse basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Genese der Normen (Siebs, Viëtor), eine Analyse der stilistischen Formstufen und Lautschwächungsprozesse sowie eine Diskussion der DaF-spezifischen Probleme bei der Vermittlung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Standardaussprache, Lautschwächung, DaF, Regiolekt, Siebs, Bühnenaussprache, Assimilation und Elision.
Welche Bedeutung kommt dem "Siebs" für die heutige Aussprache zu?
Der "Siebs" war über Jahrzehnte die maßgebliche Autorität für die deutsche Bühnenaussprache, verlor aber aufgrund seiner oft realitätsfernen und künstlichen Normierung ("Überartikulation") zunehmend an Bedeutung gegenüber deskriptiveren Ansätzen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Lento- und Prestoformen wichtig?
Sie hilft zu verstehen, dass Aussprache kein starrer Block ist, sondern von der Sprechgeschwindigkeit abhängt – bei schnellem Sprechen treten unweigerlich Schwächungen auf, die in langsameren, feierlichen Kontexten vermieden werden.
Warum ist das Problem für DaF-Lehrer so komplex?
Lehrer stehen oft selbst in der Tradition regional geprägter Aussprache, während Lehrwerke gleichzeitig einen "überregionalen Standard" fordern, der in der freien Kommunikation kaum jemals in seiner reinen Form anzutreffen ist.
- Quote paper
- M.A. Friederike Kleinknecht (Author), 2003, Gesprochenes Deutsch und deutsche Standardaussprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70673