Was macht den Wilden Westen eines Karl May aus, einen Raum, der nur in unserer Vorstellungskraft existiert? Ein wesentlicher Baustein für das Verständnis hierfür liegt meines Erachtens in der Art und Weise, wie Landschaften beschrieben und für die Erzählhandlung genutzt werden. Es stellt sich die Frage nach der Funktionalisierung des Raumes: Welche Funktionen haben Naturschilderungen und Landschaftsbeschreibungen in Bezug auf die Erzählhandlung in der Winnetou-Trilogie, wie greifen Beschreibungen und Handlung ineinander? Wie wird der Wilde Westen dargestellt, wie die Dichotomie zwischen Stadt und Land? In der nachfolgenden Arbeit möchte ich diese Fragen unter drei grundsätzlichen Aspekten näher beleuchten:
- Der Naturraum als Abenteuerraum: Der Naturraum wird zum Handlungsraum, in dem der Held seine Abenteuer erleben kann.
- Der Naturraum als religiöser Raum: als mystischer Raum zur Selbstfindung und spirituellen Einkehr und
- Der Naturraum als sozialer Raum mit spezifischen Regeln und Normen
Inhaltsverzeichnis
1 VORWORT
2 NATURRAUM ALS ABENTEUERRAUM
2.1 DIE WILDNIS
2.2 KARRIERE IM WILDEN WESTEN
2.3 FUNKTIONEN DER LANDSCHAFTSBESCHREIBUNG BEI KARL MAY
2.3.1 Aktionsort abenteuerlicher Handlungen
2.3.2. Bedeutungsstiftung
2.3.3 Stimmungsbild
3 NATURRAUM ALS RELIGIÖSER RAUM
4 NATURRAUM ALS SOZIALER RAUM
4.1 DER EHRENKODEX DER WESTMÄNNER („DAS LEBEN ALS EIGENTLICHE UND EINZIGE HOCHSCHULE“)
4.2 ZIVILISATION VERSUS NATURRAUM
4.2.1 Die Stadt als Sammelplatz der Kapitalisten
4.2.2 Frauenraum versus Männerraum
5 ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionalisierung des Raumes in Karl Mays Winnetou-Trilogie. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Rolle Naturschilderungen und Landschaftsbeschreibungen in Bezug auf die Erzählhandlung spielen und wie das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Wildnis gestaltet ist.
- Die Darstellung des Naturraums als Abenteuerraum für den Helden.
- Die Funktion der Landschaft als mystischer Raum zur spirituellen Einkehr.
- Die Konstituierung des Naturraums als sozialer Raum mit spezifischen Normen.
- Die Analyse der Dichotomie zwischen Zivilisation und unberührter Natur.
- Die Untersuchung der Rollenbilder und des Ehrenkodex der Westmänner.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Wildnis
Wir traten beim Ersteigen des Gebirges in eine Wildnis ein, welche so urwüchsig uns entgegenstarrte, daß wir beinahe den Mut verloren, in das unüberwindlich scheinende Gewirr von Fels und Waldung einzudringen. Aber je weiter wir kamen, desto besser ging es.1
Unüberwindlich, chaotisch, unvorhersehbar: Hier lauert das Abenteuer an jeder Ecke, suggeriert uns Karl May mit dieser Beschreibung und greift damit auf ein Topos der Reiseliteratur des 19. Jhdts. zurück: die mörderische Wildnis.2 Erst in stetiger Auseinandersetzung mit der Natur und Überwindung lebensbedrohlicher Gefahren wird das unbedarfte Greenhorn zum Helden. Der Naturraum als „locus periculosus“, als Ort, an dem unsagbare Gefahren drohen, wird zum Bewährungsraum westmännischer Tugenden wie Ehre, Kameradschaft, Kühnheit, List und Stärke:
Aber gerade diese Gefahren sind es, die ihn locken und bezaubern. Seine Muskeln sind von Eisen und seine Sehnen von Stahl; sein Körper kennt keine Anstrengungen und Entbehrungen, und alle Tätigkeiten seines Geistes haben durch unausgesetzte Uebung eine Energie und Schärfe erlangt, die ihn selbst noch in der größten Not ein Rettungsmittel finden lassen.3
Zusammenfassung der Kapitel
1 VORWORT: Einleitung in die Thematik der Raumnutzung bei Karl May und Definition der drei Untersuchungsaspekte: Abenteuer-, religiöser und sozialer Raum.
2 NATURRAUM ALS ABENTEUERRAUM: Untersuchung der Wildnis als Bewährungsort für den Helden und Analyse der Funktionen von Landschaftsbeschreibungen als Handlungs- und Stimmungsträger.
3 NATURRAUM ALS RELIGIÖSER RAUM: Darstellung der Natur als Ort der spirituellen Einkehr und Gottesbegegnung, die einen Gegenpol zum weltlichen Streben bildet.
4 NATURRAUM ALS SOZIALER RAUM: Analyse der sozialen Normen der Westmänner, des Konflikts zwischen Zivilisation und Natur sowie der Darstellung von Frauenbildern und Stadtleben.
5 ZUSAMMENFASSUNG: Resümee über die zentrale Rolle des Naturraums als funktionaler Hintergrund, der für die heldische Selbstbehauptung unerlässlich ist.
Schlüsselwörter
Karl May, Winnetou, Wildnis, Naturraum, Abenteuer, Westmann, Zivilisation, Old Shatterhand, Landschaftsbeschreibung, Heldentum, Religiösität, Sozialer Raum, Handlungsraum, Initiationsprüfung, Prärie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des (Natur-)Raumes in Karl Mays Winnetou-Trilogie und wie dieser zur Funktionalisierung der Erzählhandlung beiträgt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind der Naturraum als Abenteuerraum, als religiöser Raum zur Einkehr sowie als sozialer Raum mit spezifischen Ehrenkodizes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die wechselseitige Bestätigung von Aktion und Raum zu beleuchten und aufzuzeigen, wie der Wilde Westen als Bühne für heldisches Handeln dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textbasierte Untersuchungen der Winnetou-Bände mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Wildnis als Bewährungsraum, die Bedeutung von Landschaftsbeschreibungen und den Kontrast zwischen der zivilisierten Stadt und der wildwestlichen Lebensweise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Naturraum, Wildnis, Old Shatterhand, Abenteuerroman, Zivilisationskritik und heldische Identität.
Wie unterscheidet sich die Stadt von der Wildnis bei Karl May?
Die Stadt wird als Ort kapitalistischer Gier und Scheinbildungen dargestellt, während die Wildnis der Raum für authentische Taten und westmännische Tugenden bleibt.
Welche Rolle spielen die Frauenfiguren in der Erzählung?
Frauen treten in der Arbeit meist als mütterliche Gestalten oder als unselbständige, emanzipationsversuchende Figuren auf, die für den Helden eher hinderlich oder der Informationsbeschaffung dienlich sind.
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- Eva Lirsch (Author), 2006, Der Held in der Wildnis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154199