Diese Hausarbeit im Rahmen des Proseminars "Der Spaziegang in der Literatur" im Sommersemester 2007 bei Dr. Patrizio Collini befasst sich mit der Darstellung der Spaziergänge, die in Franz Kafkas Tagebüchern der Jahre 1910 bis 1923 aufgezeichnet sind.
Nach einer kurzen Darstellung der zu beobachtenden Veränderungen und Fortschritte im Tagebuch, soll in Punkt III der real erlebte Spaziergang beschrieben werden, in dem Kafka sich sowohl als Beobachter, als auch als "Eintauchender" in seine Umwelt beschreibt. Darüber hinaus wird auch das Thema der Selbstreflexion und des Spazierganges in Gesellschaft bearbeitet.
In Punkt IV wird dann im Gegensatz dazu das Thema der fiktiven Spaziergänge bearbeitet. Es handelt sich heirbei um Erzählungen und Erzählfragmente, die Kafka in sein Tagebuch eingetragen hat, wobei sie teilweise später in seinen Erzählungen wieder auftauchen, meist jedoch in abgewandelter Form. Es soll klar sein, dass hier das Hauptaugenmerk nicht auf eine komplette Auflistung dieser Erzählungen gelegt wird, sondern die beispielhafte Belegung eines "Kafka-Stils" im Vordergrund stehen soll.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
I.1 Einleitende Worte und prinzipielle Anmerkungen
I.2 Zur Unterscheidung des real-erlebten und des fiktiven Spaziergangs
I.3 Zur Kafka-Lektüre - Das Camus-Zitat
I.4 Literatur / Sekundärliteratur
II Kafkas Veränderung und mit ihr seine Wahrnehmung
II.1 Kafkas Beziehung zu seinen Tagebüchern
II.2 Die Veränderung in Kafkas Schreibweise
II.3 Veränderungen in den Spaziergängen
II.3.1 Die Beschreibung der Spaziergänge selbst
II.3.2 Rückschlüsse auf die immense Wichtigkeit, die seine Spaziergangserfahrungen für ihn hatten
III Die Beobachtung / Der real erlebte Spaziergang
III.1 Der Sinn des Spaziergangs für Kafka
III.1.1 Der Schreibakt Kafkas in Anlehnung an Pasleys Theorie
III.1.2 Spaziergänge als Inspiration
III.1.3 Selbstreflexion
III.2 Der Spaziergang in Verbindung mit seinem Seelenleben
III.3 Kafka als Beobachter und als Teilhaber seiner Umwelt
III.3.1 Teilhaber
III.3.2 Beobachter
III.4 Spaziergang mit Freunden
IV Der fiktive Spaziergang: Erzählungen und Erzählfragmente
IV.1 Der autobiografische Gehalt
IV.2 Der urbane Raum Prag als Kafkas Mikrokosmos
IV.3 Die Kurzgeschichte "Die städtische Welt"
V Ergebnisse & Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Spaziergängen in Franz Kafkas Tagebüchern (1910–1923) und analysiert, wie diese sowohl als reale Erfahrung zur Inspiration und Selbstreflexion dienen als auch Eingang in seine fiktive Prosa finden.
- Veränderung von Kafkas Wahrnehmung und Schreibstil im Kontext seiner Tagebücher.
- Die Funktion des Spaziergangs als Mittel zur Selbstreflexion und Beobachtung der Umwelt.
- Unterscheidung zwischen dem real erlebten Spaziergang und fiktiven Spaziergängen in Erzählungen.
- Der Einfluss von Kafkas Umgebung (Prag) als Mikrokosmos auf sein literarisches Schaffen.
- Die Rolle des Schreibens als Lebensnotwendigkeit und deren Verknüpfung mit dem Verlassen des Hauses.
Auszug aus dem Buch
III.1.1 Der Schreibakt Kafkas in Anlehnung an Pasleys Theorie
Wie Alain Montandon in seiner Einleitung schreibt, interessiert bei der Analyse der Spaziergänge in der Literatur, beziehungsweise in der Realität der Autoren, besonders seine Funktion als soziales Phänomen auf der einen Seite, auf der anderen Seite, und dies ist nicht Montandons Thema, ist aber auch die Auswirkung des Spazierganges auf die Arbeit des Literaten interessant. Von vielen Autoren ist bekannt, dass sie den Spaziergang als Inspiration nutzten, so zum Beispiel Rousseau, der in seiner Autobiographie beschreibt, dass er stundenlang ausser Hauses umhergeht, um dann seine Gedanken zu Papier zu bringen. Dass dies nicht Kafkas primäre Methode war, wissen wir zum Beispiel von der Analyse seines Schreibaktes von Malcolm Pasley. Zusammenfassend wird in diesem Aufsatz folgende Meinung vertreten und dann fundiert:
"Denn bei Kafka waren(...)die konkreten Schreibbedingungen, etwa der Schreibort und das vorhandene Schreibgerät, für Form und Gehalt des Geschriebenen in ganz besonderem Maße wichtig."
Belegt wird diese Aussage wiederum mit dem Zitat eines Tagebucheintrages vom 6. Dezember 1921, in dem Kafka sinngemäß schreibt, dass der Schreibprozeß an sich gekoppelt ist, an die Umstände und Bedingungen, unter welchen er geschieht, während diese Umstände selbst in den meisten Fällen selbstständig sind. Er ist also fixiert auf seinen Schreibtisch, während man heutzutage gerade ein Ereignis daraus macht, an ungewöhnlichen Orten zu schreiben, sei es in der Natur, in Parks oder mitten in der Stadt, zum Beispiel in Caffés.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Darstellung des Forschungsgegenstands, der Abgrenzung von realem und fiktivem Spaziergang sowie der methodischen Herangehensweise.
II Kafkas Veränderung und mit ihr seine Wahrnehmung: Analyse der Entwicklung von Kafkas Schreibstil und der quantitativen Abnahme seiner Spaziergangsaufzeichnungen über die Jahre.
III Die Beobachtung / Der real erlebte Spaziergang: Untersuchung der verschiedenen Funktionen des Spaziergangs für Kafka, insbesondere als Mittel zur Beobachtung, Selbstreflexion und Inspiration.
IV Der fiktive Spaziergang: Erzählungen und Erzählfragmente: Betrachtung der fiktiven Spaziergänge und deren autobiografischen Gehalt sowie der Bedeutung des urbanen Raums Prag.
V Ergebnisse & Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der zentralen Thesen bezüglich Kafkas Schreibweise, seiner Lebensumstände und der Bedeutung der Spaziergangserfahrungen.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Tagebücher, Spaziergang, Literatur, Schreibprozess, Prag, Selbstreflexion, Inspiration, Beobachtung, Autobiografie, Mikrokosmos, Pasley, Entspannung, Stadtleben, Existenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Aufzeichnungen von Franz Kafka in seinen Tagebüchern aus den Jahren 1910 bis 1923 mit einem spezifischen Fokus auf das Thema des Spaziergangs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit der Beziehung Kafkas zu seinem Schreiben, seiner Art die Umwelt zu beobachten, der Funktion des Spaziergangs als Inspirationsquelle und der Verknüpfung dieser Erfahrungen mit seiner fiktiven Prosa.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, welche Bedeutung die Spaziergänge für Kafkas Leben und sein literarisches Schaffen hatten und inwieweit sich eine Entwicklung in seiner Wahrnehmung und Schreibweise feststellen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine textnahe Analyse der Tagebucheinträge unter Einbeziehung von Sekundärliteratur wie Malcolm Pasley und Klaus Wagenbach.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung real erlebter Spaziergänge (Beobachtung, Selbstreflexion, Soziales) und die Analyse von Spaziergängen innerhalb seiner fiktiven Erzählungen und Erzählfragmente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Kafka, Tagebücher, Spaziergang, Schreibprozess, Prag, Selbstreflexion und die Beobachterrolle des Autors.
Warum ist das Camus-Zitat in der Einleitung so wichtig?
Es unterstreicht die Vieldeutigkeit von Kafkas Werk und warnt davor, bei der Lektüre nach einer einzigen, absolut gültigen Wahrheit zu suchen.
Welche Rolle spielt die Krankheit bei der Beobachtung seiner Spaziergänge?
Gegen Ende des Beobachtungszeitraums schränkte Kafkas Tuberkulose-Erkrankung seine Mobilität massiv ein, was eine direkte Verbindung zwischen der Unfähigkeit, das Haus zu verlassen, und dem Schwinden seiner literarischen Produktion aufzeigt.
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- Philipp Kracht (Author), 2007, Kafka, Tagebücher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147013