Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage mit welchen Bildern die jeweiligen Patienten ihre Krankheiten beschreiben, mit dem Ziel herauszufinden, in welchem Verhältnis die Patienten zu ihrer Krankheit stehen. Dabei kann die von den Patienten benutzte Bildsprache unter anderem darüber Auskunft geben, ob sie ihre Krankheit angenommen haben oder ablehnen, sich mit ihrer Krankheit "versöhnt" haben oder sie als Teil ihres persönlichen Alltags begriffen haben.
Darüber hinaus dürfte es nicht unerheblich sein zu fragen, ob die am Krankheitsdiskurs beteiligten Personenkreise auf die gleichen oder doch eher auf unterschiedliche Metaphern (Herkunftsbereiche) zurückgreifen (Patient steht mit der Krankheit auf Kriegsfuß). Welche Erkenntnis erlangen wir aus der Tatsache, dass am Krankheitsdiskurs beteiligte Experten andere Metaphern benutzen als die Betroffenen? Inwiefern dienen Metaphern dazu Missverständnisse im Kommunikationsprozess der Krankheit zu klären? Können sie dabei behilflich sein Patienten oder Laien Aufschluss darüber geben, ein angemessenes Verhältnis zu Ihrer Krankheit zu entwickeln? Welche Gefühlsneigungen können sich aus der Wahl von Metaphern von Patienten im Umgang mit Ihrer Krankheit ableiten lassen?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theorie der Metapher
2. 1 Das “sprachliche Feld”
Lexikalisch – semantische Annäherungen an das Phänomen der Metapher
2. 2 Harald Weinrichs (text-)semantische Neuerungen in der Zeit nach Trier
2. 3 Kognitive Metapherntheorie
III. Krankheit und Metapher
3. 1 „Illness as metaphor“
3. 2 Krankheit und das Kommunikationsmodell nach Brünner und Gülich
IV. Krankheit und Erzählung
V. Schlussbetrachtung
VI. Anhang
Geschichtlicher Hintergrund
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen von Metaphern in Krankheitserzählungen und analysiert, in welchem Verhältnis Patienten zu ihrer Krankheit stehen. Auf Basis der kognitiven Metapherntheorie sowie linguistischer Ansätze von Trier, Weinrich, Brünner und Gülich soll erarbeitet werden, wie Bildsprache zur Bewältigung, Kommunikation oder Ablehnung der eigenen Krankheit eingesetzt wird.
- Analyse der Bedeutung von Metaphern für das individuelle Krankheitsverständnis.
- Untersuchung der Unterschiede in der Metaphernwahl zwischen Experten (Ärzten) und Laien (Betroffenen).
- Erforschung der Konzepte von "Krankheit als Krieg" im Vergleich zu anderen Herkunftsbereichen.
- Ableitung von Funktionen der Metaphern in der Experten-Laien-Kommunikation.
- Kritische Reflexion der von Susan Sontag postulierten Ablehnung metaphorischen Denkens bei Krankheiten.
Auszug aus dem Buch
3.1 „Illness as metaphor“
Eine der zentralen Texte, die sich dem Zusammenhang von Krankheit und Metapher widmen, dürfte das 1977 erschienene Essay von Susan Sontag sein. Die Entstehung des Textes basiert auf Sontags Beobachtungen in Hinblick auf Reaktionen ihres sozialen Umfeldes und der Gesellschaft im Umgang mit ihrem eigenen (Krebs-)Leiden.
"Jede Krankheit, die man als Geheimnis behandelt und heftig genug fürchtet", schreibt Susan Sontag in ihrem inzwischen als Klassiker betrachteten Essay über die Krankheit als Metapher, "wird als im moralischen, wenn nicht wörtlichen Sinne ansteckend empfunden".
Die Erfahrungen und Reflexionen, die Susan Sontag beschreibt, basieren auf Erfahrungen im Umgang mit ihrem eigenen Krebsleiden, die sie in ähnlicher Weise beschreibt und retrospektiv auch für die Tuberkulose beobachtet hat, gelten einmal mehr für AIDS als eine Krankheit, die mehr als viele andere mit tödlicher Ansteckung in Verbindung gebracht wird.
Sontag sieht die Krankheit als "Nachtseite des Lebens" an, der negative Bedeutungsinhalt des Wortes Krankheit wird hier sehr deutlich. Dieser Tatsache war sich Goethe auch schon bewusst, bei der Beschreibung des Konkurrenzverhältnisses. Sontag stellt gerade dieses Spannungsverhältnis dar, in dem sie im Verlaufe ihres Textes beschreibt, wie die Krankheitsmetaphern in der Romantik - und fast ausschließlich während dieser Strömung - zum literarischen Ausformen von Texten im positiven Sinne gebraucht wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Metaphernforschung ein und erläutert den Fokus auf die kognitive Linguistik nach Lakoff und Johnson sowie die Ziele der Arbeit bezüglich der Analyse von Krankheitsbeschreibungen.
II. Theorie der Metapher: Dieses Kapitel behandelt theoretische Grundlagen der Metapher, angefangen bei der Wortfeldtheorie von Jost Trier über die Neuerungen von Harald Weinrich bis hin zur kognitiven Metapherntheorie.
III. Krankheit und Metapher: Hier werden Susan Sontags Thesen zu Krankheit als Metapher sowie das Kommunikationsmodell nach Brünner und Gülich im Kontext der medizinischen Kommunikation gegenübergestellt.
IV. Krankheit und Erzählung: In diesem Kapitel werden empirische Ergebnisse aus Krankheitserzählungen präsentiert, wobei die Funktionen der dort verwendeten Metaphern in verschiedene Kategorien eingeteilt werden.
V. Schlussbetrachtung: Dieses Fazit resümiert die Analyseergebnisse und diskutiert, inwiefern die Verwendung von Metaphern bei Krankheiten von der individuellen Betroffenheit abhängt und Sontags Thesen erweitert oder relativiert werden können.
VI. Anhang: Der Anhang bietet ergänzende Informationen zum geschichtlichen Hintergrund von Metapherntheorien, unter anderem mit Fokus auf Aristoteles, Cicero und Quintilian.
Schlüsselwörter
Krankheit, Metapher, Kognitive Linguistik, Krankheitserzählungen, Susan Sontag, Bildfeldtheorie, Kommunikation, Experten-Laien-Kommunikation, Kriegsmetaphorik, Körperwahrnehmung, Sprachwissenschaft, Erfahrung, Semantik, Krankheitsbewältigung, Metaphorik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen menschlicher Sprache, insbesondere der Metapher, und der individuellen Erfahrung von Krankheit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theorie der Metapher, die medizinische Kommunikation zwischen Experten und Laien sowie die Analyse von persönlichen Krankheitserzählungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die spezifischen Funktionen von Metaphern in Krankheitsbeschreibungen zu identifizieren und zu klären, wie diese die Einstellung des Patienten zur eigenen Krankheit widerspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitativer Ansatz gewählt, der auf der Auswertung von 21 Krankheitserzählungen basiert und diese durch metapherntheoretische Konzepte (Trier, Weinrich, Lakoff/Johnson) interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Konzepte der Metapher, die kritische Auseinandersetzung mit Sontags "Krankheit als Metapher" und die praktische Klassifizierung der Metaphern in den gesammelten Erzählungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Metapher, Krankheit, kognitive Linguistik, Krankheitserzählungen, Experten-Laien-Kommunikation und Kriegsmetaphorik.
Wie unterscheidet sich die Metaphernwahl bei Experten und Laien?
Experten nutzen Metaphern primär zur sachlichen Veranschaulichung komplexer Abläufe, während Laien sie verstärkt zur Vermittlung subjektiver, emotionaler Erfahrungen und der eigenen Gefühlslage verwenden.
Welche Bedeutung hat das Konzept "Krankheit ist Krieg" in dieser Arbeit?
Das Konzept wird als dominantes, aber nicht ausschließliches Metaphernschema bestätigt, das besonders bei physisch schwer Betroffenen auftritt und den Krankheitsverlauf als einen Kampf gegen einen externen Feind darstellt.
- Quote paper
- Mario Dieninghoff (Author), 2006, Krankheit ist Krieg?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133759