Was ist das Besondere an dieser Verfilmung? Welche Bedeutung hat für Pasolini der Mythos?
Einen Film zu untersuchen, stellt eine besondere Aufgabe dar, ist er doch im Grunde flüchtig wie das gesprochene Wort. Zwar gebannt auf ein Medium, doch schlecht zu zitieren, zu greifen, festzumachen, wie bspw. die Musik am Notenbild. Der Produktionsprozess eines Filmes ist derart komplex, sowie sein Aufbau selbst, besteht er doch aus minutiös gearbeiteten vielen kurzen sekundenlangen Einstellungen, die vom Regisseur real aufgebaut werden, um anschließend mehrfach postproduced zu werden, dass es kaum möglich, ihn erschöpfend zu analysieren. Ein kleines Sequenzprotokoll als Anlage soll helfen, bestimmte Bilder für eine Analyse greifbar zu machen. Ebenfalls ratsam erschien mir, die Story kurz wieder zugeben, da sie sich doch etwas vom linear spielenden Plot unterscheidet. Des weiteren ergibt sich die Handlung nicht unbedingt aus Worten, sondern drückt sich durch viele verschiedene malerische Bilder aus, die man viel unmittelbarer wahrnimmt, als ein rational verständliches Wort, durch die „objekthafte Konkretheit“ (Pier Paolo Pasolini, Das Kino der Poesie, S. 51.)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Story
3 Gemalte Bilder
4 Die Perspektive als malerisches Element
5 Das Prinzip Opfer
6 Die besondere Markierung des Tones durch die Stille
7 Der Mythos
8 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Pier Paolo Pasolinis filmische Adaption des Medea-Mythos unter besonderer Berücksichtigung seiner spezifischen Bildsprache, der malerischen Inszenierung sowie der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Archaischen und dem Rituellen. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Pasolini durch den Verzicht auf klassische Narration und die bewusste Nutzung von Symbolik, Perspektive und Montage eine eigene, poetische Zeichensystematik erschafft, die den antiken Stoff mit zeitgenössischen politischen und soziologischen Fragestellungen verknüpft.
- Die ästhetische Gestaltung und die malerische Bildsprache im Film.
- Die Rolle des Opfers als zentrales rituelles und existentielles Motiv.
- Die Bedeutung von Ton, Musik und Stille als leitmotivische Gestaltungsmittel.
- Pasolinis filmtheoretischer Ansatz des „poetischen Kinos“.
- Die Verknüpfung mythischer Stoffe mit gesellschaftskritischen Perspektiven auf den Kapitalismus.
Auszug aus dem Buch
3 Gemalte Bilder
Pasolinis Film besticht aus heutiger Sicht nicht unbedingt durch seine überraschende Handlung oder den, wie von einem Schriftsteller zu erwartenden, ausladenden Dialogen, - ist Sprache doch eher sparsam verwendet - , sondern vielmehr durch die unglaubliche Dichte der Bilder, auf die es sich durch Ablegen jedweder Erwartung erst einmal einzulassen gilt.
„Ich kann mir kein Bild vorstellen, keine Landschaft, keine Figurenkomposition außerhalb dieser meiner ursprünglichen Leidenschaft für die Malerei... Und wenn das Dargestellte in Bewegung ist, ist dies gleichsam so, als ob das Objektiv über ein Bild schwenkt.“
Und in der Tat, Pasolinis mythologische Filme sind in erster Linie visuell. Charakteristisch – und in den 60er Jahren völlig gegen die durch Hollywood-geprägten Konventionen – sind viele statisch-wirkende Landschafts-fangende Totalen oder extrem lange porträtartige Nahaufnahmen seiner meist ästhetisch sehr schönen Protagonisten.
2:22 Minuten dauert der Vorspann, der zugleich als eine Art „etablishing shot“ dient und doch im Grunde keine Orientierung schafft, sieht man nur eine auf- oder untergehende Sonne in einer kargen Landschaft und ist durch das Licht geblendet. Eine starke Gewichtung erhalten auch die Landschaftsaufnahmen in Weitaufnahme oder Totale, die Jasons Erziehung begleiten. Doch kaum irgendwo ist Umgebung so dominant wie bei der Darstellung Kolchis. Die eigentliche Opferung beginnt bei 00:13:22, zu sehen ist eine Totale der Höhlenstadt, diesmal quasi ein echter etablishing shot. Im Folgenden wechseln sich nun immer wieder Totalen, die regungslose Stadtbewohner zeigen und Nah- und Großaufnahmen des zu opfernden Jünglings, sowie Absyrtos. Das dargestellte Volk passt sich absolut harmonisch durch erdige Brauntöne oder beige Gewänder, mit wenig blau in der Landschaft ein. Die Bilder dauern durchschnittlich 5 Sekunden. 5 Sekunden, in denen im Bild kein erkennbarer Vorgang von statten geht. So ist zwischen 00:13:26-00:13:29 eine Schlange aus wartenden Menschen zu sehen, die sich nicht bewegt, was im Hollywoodfilm jener Zeit absolut undenkbar gewesen wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in Pasolinis Intention ein, den Mythos nicht abzubilden, sondern durch eine neue, „poetische“ Bildsprache fernab klassischer Narration neu zu erschaffen.
2 Die Story: Dieses Kapitel gibt den Handlungsverlauf wieder und ordnet ihn in den existenzialistischen Kontext ein, in dem die Figuren bereits durch den Willen zur Selbstzerstörung gezeichnet sind.
3 Gemalte Bilder: Der Fokus liegt hier auf der visuellen Komposition des Films, die sich durch statische Totalen und lange Nahaufnahmen auszeichnet und die Malerei als Inspirationsquelle hervorhebt.
4 Die Perspektive als malerisches Element: Es wird analysiert, wie Pasolini durch den gezielten Einsatz der Zentralperspektive und Bildadaptionen aus dem Manierismus Räumlichkeit und malerische Wirkung erzielt.
5 Das Prinzip Opfer: Dieses Kapitel untersucht das rituelle Opfern als zentrales Element, das sowohl den Zusammenhalt der Sippe sichert als auch eine psychologische Gewaltübertragung darstellt.
6 Die besondere Markierung des Tones durch die Stille: Hier wird die leitmotivische Funktion von Musik, Sprache und Stille betrachtet, welche die Dichotomie zwischen dem Rationalen und dem Archaischen unterstreicht.
7 Der Mythos: Das Kapitel reflektiert Pasolinis Verständnis vom Mythos als Erzählform, um Realität abzubilden und gesellschaftliche Kritik an der Moderne und dem Kapitalismus zu formulieren.
8 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Ergebnisse zur Bedeutung von Maria Callas und Pasolini für den Erfolg des Films sowie die anhaltende Aktualität seiner kritischen Perspektive.
Schlüsselwörter
Pier Paolo Pasolini, Medea, Mythos, poetisches Kino, Bildsprache, Opferritual, Malerei, Manierismus, Zentralperspektive, archaische Welt, Maria Callas, Filmsemiotik, Kapitalismuskritik, Montage, Existenzialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Pier Paolo Pasolinis Verfilmung des Medea-Mythos und untersucht, wie der Regisseur durch spezifische ästhetische Mittel eine eigenständige filmische Realität schafft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die malerische Bildgestaltung, das rituelle Opfer, die Funktion von Musik und Stille sowie die Verbindung von antiken Mythen mit gesellschaftskritischen Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Pasolini seine Theorie des „poetischen Kinos“ praktisch anwendet, um Narration zugunsten einer bildhaften, symbolischen Darstellung in den Hintergrund zu rücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse, die formale Aspekte der Bildkomposition und Montage mit kulturwissenschaftlichen und psychoanalytischen Ansätzen (u.a. unter Rückgriff auf Eliade, Girard und Nietzsche) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur Story, zur malerischen Bildsprache, zur Perspektivwahl, zur rituellen Opferlogik sowie zur musikalischen und tonalen Gestaltung des Films.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Pasolinis „poetisches Kino“, die archaische Ausdruckskraft, das rituelle Opfer, die malerische Inszenierung und die Kritik am modernen Kapitalismus.
Welche Rolle spielt die Musik in Pasolinis „Medea“?
Musik und Geräusche dienen als leitmotivische Markierungen: Während Saiteninstrumente das Rationale und Jason symbolisieren, stehen Blasinstrumente und Klagegesänge für die rauschhafte, dionysische Welt Medeas.
Warum wählt Pasolini Maria Callas für die Rolle der Medea?
Callas wird als „Zugpferd“ und öffentliche Figur gesehen, deren Anderssein und Ausstrahlung mit der Rolle der Medea als Außenseiterin verschmelzen, was dem Film eine besondere Brisanz verleiht.
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- Sina Schmidt (Author), 2008, Eine malerische Medea, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114753