Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema der Diglossie stößt man recht schnell auf den 1959 erschienenen wegweisenden Aufsatz von Charles Ferguson (Ferguson 1996), in dem er den Begriff der Diglossie definiert. Als eines der Beispiele wird dort von ihm die deutschsprachige Schweiz angeführt.
Da jedoch dieses Beispiel nur kurz angerissen wird, legt dies eine nähere Betrachtung der Thematik nahe. Weitere Relevanz erhält gerade das Beispiel der deutschsprachigen Schweiz durch die räumliche Nähe und auch den sprachlichen Bezug durch die Tatsache, dass es sich bei einer der verwendeten Sprachformen um das Standarddeutsche handelt.
Auch wenn bereits einzelne Teilgebiete wie zum Beispiel die stark unterschiedliche Phonologie der Sprachformen oder auch der zum Teil unterschiedliche Wortschatz von Interesse sind, konzentriert sich diese Arbeit darauf, einen allgemeinen Überblick zu geben, ob und in wie weit die Definition Fergusons auf die deutschsprachige Schweiz anwendbar ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Diglossie nach Ferguson
1.1 Eigenschaften von Diglossie
1.2 Die Entstehung von Diglossie
2. Die Diglossie in der deutschsprachigen Schweiz
2.1 Generelle Sprachsituation in der Schweiz
2.2 Die Entstehung der Diglossie in der Schweiz
2.3 Anwendbarkeit der Kriterien/Eigenschaften
2.3.1 Spezialisierung
2.3.2 Prestige
2.3.3 Aneignung
2.3.4 Standardisierung
2.3.5 Literatur
2.3.6 Stabilität
2.3.7 Lexikon
2.3.8 Phonologie
2.3.9 Grammatik
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die von Charles Ferguson 1959 aufgestellte soziolinguistische Definition von Diglossie auf die heutige Sprachsituation in der deutschsprachigen Schweiz übertragbar ist.
- Grundlagen des Diglossie-Begriffs nach Charles Ferguson
- Entstehungsbedingungen von Diglossie-Situationen
- Analyse der sprachlichen Situation in der Schweiz (High vs. Low Variety)
- Überprüfung der Fergusonschen Kriterien wie Spezialisierung, Prestige und Grammatik
- Diskussion von Abweichungen und Besonderheiten des Schweizerdeutschen
Auszug aus dem Buch
1.1 Eigenschaften von Diglossie
Das wohl wichtigste Merkmal der Diglossie ist die Spezialisierung der Funktionen der High Variety und der Low Variety. In bestimmten Situationen (meist offizieller Natur oder in der Schriftsprache) ist die High Variety angemessen, in anderen (z.B. Familie, Freunde) ist es die Low Variety. Zwischen diesen beiden Situationen besteht nur eine minimale Überlappung, so dass es zum Beispiel vorkommen kann, dass etwas in der High Variety gelesen und anschließend in der Low Variety diskutiert wird.
Das Prestige der beiden Varieties unterscheidet sich ebenfalls voneinander. Oft wird die High Variety als der Low Variety überlegen angesehen. Sie gilt als einzige richtige Sprache, ist schöner und logischer und die Sprecher sind eher in der Lage, mit ihrer Hilfe wichtige Gedanken auszudrücken. Diese empfundene Überlegenheit gipfelt darin, dass oft politische Reden u.ä. lieber in der High Variety gehört werden, auch wenn es möglich wäre, sie in der Low Variety zu halten - nur die High Variety wird dieser Situation als angemessen erachtet. Auch im Bezug auf Religion erhält die High Variety eine höhergestellte Position gegenüber der Low Variety.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Diglossie-Begriff und Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Anwendbarkeit auf die Schweiz.
1. Diglossie nach Ferguson: Definition des Begriffs durch Charles Ferguson, unterteilt in die zentralen Eigenschaften und die historischen Entstehungsprozesse.
2. Die Diglossie in der deutschsprachigen Schweiz: Untersuchung der spezifischen Schweizer Sprachsituation und detaillierte Prüfung der Fergusonschen Kriterien auf das Verhältnis von Standarddeutsch und Schweizerdeutsch.
Schluss: Fazit über die weitgehende Bestätigung der Theorie Fergusons für die Schweiz trotz festgestellter punktueller Abweichungen.
Schlüsselwörter
Diglossie, Charles Ferguson, Schweizerdeutsch, Standarddeutsch, Sprachsituation, High Variety, Low Variety, Soziolinguistik, Sprachvariation, Mehrsprachigkeit, Sprachprestige, Funktionale Spezialisierung, Sprachidentität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die soziolinguistische Situation der deutschsprachigen Schweiz und prüft, ob diese dem klassischen Diglossie-Modell von Charles Ferguson entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der High Variety (Standardsprache) und der Low Variety (Dialekte), deren Funktionen, Prestige, Aneignungswege und grammatische Unterschiede.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob und inwieweit die Definition Fergusons auf die deutschsprachige Schweiz anwendbar ist und wo signifikante Abweichungen auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziolinguistischer Definitionen, die anschließend durch einen Vergleich mit empirischen Beobachtungen zur Schweizer Sprachsituation validiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung nach Ferguson und die detaillierte Überprüfung einzelner Kriterien wie Spezialisierung, Prestige, Aneignung und Stabilität am Beispiel der Schweiz.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Diglossie, High Variety, Low Variety, Schweizerdeutsch, Standarddeutsch sowie soziolinguistische Kriterien der Sprachvariation.
Warum bildet das Schweizerdeutsche laut Ferguson eine Ausnahme bei der Grammatik?
Im Gegensatz zu vielen anderen Diglossie-Situationen, in denen die Low Variety grammatisch stark vereinfacht ist, weist das Schweizerdeutsche eine eigene, komplexe Grammatik auf, die dem Standarddeutschen ebenbürtig ist.
Gibt es in der Schweiz eine klare Trennung zwischen den Sprachvarietäten?
Nein, es existiert eine "breite sprachliche Zwischenzone", und die Bereiche, in denen die beiden Varietäten genutzt werden, vermischen sich zunehmend.
- Arbeit zitieren
- Claudia Sieber (Autor:in), 2005, Diglossie in der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77405