Zwischen dem österreichischen Psychologen und Psychiater Sigmund Freud und dem deutschen Schriftsteller Ernst Theodor Amadeus Hoffmann scheint es auf den ersten Blick keine Beziehung zu geben und doch kann man ein gewisses Interesse des Begründers der Psychoanalyse an der schriftstellerischen Arbeit des Multitalentes Hoffmann nicht leugnen.
104 Jahre nach der Niederschrift der Novelle „Der Sandmann“ nutzt Freud diese 1919, um in seinem analytischen Artikel „Das Unheimliche“ zu zeigen, wie Hoffmann es schafft, eben dieses Gefühl des Unheimlichen beim Leser hervorzurufen.
Ob der Künstler E.T.A. Hoffmann, durch seine Arbeit am Kammergericht mit gewissen Entwicklungen in der Psychologie vertraut, mit der Freudschen Interpretation seines Werkes einverstanden gewesen wäre, möchte ich bereits am Beginn meiner Arbeit in Frage stellen.
Ich werde im Folgenden versuchen, die Definition des Unheimlichen nach Freud und dessen Auslegungen über die Ursache des Unheimlichen in „Der Sandmann“ darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zwei berühmte Männer
3. Das Unheimliche
3.1. Versuch einer Definition
3.2. Das Unheimliche in der Dichtung
3.3. Das Unheimliche in „Der Sandmann“
4. Zusammenfassung
5. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychoanalytische Interpretation der Novelle „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann durch Sigmund Freud, um zu klären, wie das Gefühl des Unheimlichen literarisch erzeugt wird und ob Freuds Deutung der Kastrationsangst auf die Figur des Nathanaels anwendbar ist.
- Die biografischen Hintergründe von E.T.A. Hoffmann und Sigmund Freud
- Die theoretische Definition des „Unheimlichen“ nach Sigmund Freud
- Die literarische Konstruktion des Unheimlichen in der Dichtung
- Die Analyse des Augenraub-Motivs als Ausdruck der Kastrationsangst
- Die kritische Würdigung der Freudschen Interpretation des Werkes
Auszug aus dem Buch
3.3. Das Unheimliche in „Der Sandmann“
Anders als sein Kollege E. Jentsch vertritt Sigmund Freud nicht die Meinung, dass der „Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt...“ die Ursache für die unheimliche Wirkung der Novelle „Der Sandmann“ ist. Die anscheinende Beseelung des Automaten Olimpia ist sicherlich ein wichtiger Aspekt in der Novelle, trägt aber keineswegs zur Steigerung oder gar Verursachung des unheimlichen Gefühls beim Leser bei. Das Hauptmotiv, das im Mittelpunkt der Erzählung steht, ist die Figur des Sandmanns, der des Nachts kommt, um den Kindern die Augen herauszureißen. Er ist quasi die personifizierte Angst vor dem Augenraub beziehungsweise der Blendung.
Freud bringt nun, resultierend aus seiner Arbeit als Psychologe und Psychoanalytiker, einen völlig neuen Aspekt in die Interpretationen des Motivs des Augenraubes und der Gestalt des Sandmanns: der Augenraub ist „häufig genug ein Ersatz für die Kastrationsangst...“. Das scheint auf den ersten Blick eine ziemlich gewagte und unwahrscheinliche Feststellung zu sein, folgt man aber der Argumentation Freuds, so kann man sich einer gewissen Logik nicht erwehren.
Die Kastrationsangst des jungen Nathanaels, dargestellt als die Furcht vor dem Augenraub, rührt aus dem inzestuösen Wunsch des Knaben her, von seinem Vater genauso geliebt zu werden, wie der Vater die Mutter liebt. Der Junge weiß, dass dies nicht möglich ist und erwartet deshalb Bestrafung in Form des Verlustes seines Penis, herbeigeführt durch den Vater. Gefühlsmäßig entwickelt sich daraus in Nathanael eine Ambivalenz der Gefühle: einerseits liebt er seinen Vater, wie ein Sohn seinen Vater liebt, andererseits entsteht aus seiner Angst ein Hassgefühl gegenüber dem Vater. Der Ausweg aus diesem Gefühlsdilemma ist die Spaltung des Vater-Imago und somit die Verschiebung des Hasses auf eine Ersatzperson – die Gestalt des Sandmanns, in der Kinderzeit des Jungen durch den Advokaten Coppelius verbildlicht. Die eigentliche Bestrafung, also die Kastration bzw. der Augenraub, Nathanaels findet jedoch nie statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Verbindung zwischen Sigmund Freuds psychoanalytischem Artikel und E.T.A. Hoffmanns Erzählung her und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Freudschen Deutung.
2. Zwei berühmte Männer: Das Kapitel skizziert die Lebensläufe von E.T.A. Hoffmann und Sigmund Freud und beleuchtet ihre jeweiligen beruflichen Hintergründe.
3. Das Unheimliche: Dieser Abschnitt exploriert die theoretischen Grundlagen des Unheimlichen, seine literarische Umsetzung und seine spezifische Anwendung auf die Erzählung „Der Sandmann“.
3.1. Versuch einer Definition: Hier wird Freuds etymologische und phänomenologische Untersuchung des Begriffs „das Unheimliche“ dargelegt.
3.2. Das Unheimliche in der Dichtung: Dieser Teil analysiert, wie Autoren durch die Gestaltung ihrer fiktiven Welten das Gefühl des Unheimlichen beim Leser gezielt hervorrufen können.
3.3. Das Unheimliche in „Der Sandmann“: Das Kapitel untersucht die zentrale Rolle des Augenraub-Motivs und verknüpft es psychoanalytisch mit Nathanaels Kastrationsangst.
4. Zusammenfassung: Die Autorin reflektiert kritisch über die Anwendbarkeit der psychoanalytischen Interpretation Freuds auf die Intention des Autors E.T.A. Hoffmann.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet alle verwendeten Primär- und Sekundärquellen der vorliegenden Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Der Sandmann, E.T.A. Hoffmann, Sigmund Freud, Das Unheimliche, Psychoanalyse, Kastrationsangst, Nathanael, Augenraub, Olimpia, Traumdeutung, Literaturwissenschaft, Vaterkomplex, Romantik, Verdrängung, Motivforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die psychoanalytische Deutung der Novelle „Der Sandmann“ durch Sigmund Freud und untersucht, wie das Unheimliche literarisch konstruiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen das Leben von Hoffmann und Freud, die psychologische Definition des Unheimlichen sowie die Anwendung dieser Theorie auf zentrale Motive des Sandmanns.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Logik hinter Freuds Interpretation zu prüfen und zu hinterfragen, ob diese psychoanalytische Sichtweise die Intention des Dichters Hoffmann trifft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Freudsche Theorie mit der Textanalyse von Hoffmanns Novelle verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in biografische Porträts, eine theoretische Abhandlung zum Begriff des Unheimlichen und eine detaillierte psychoanalytische Auslegung der Sandmann-Figur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Psychoanalyse, Kastrationsangst, Unheimliches, Augenraub und Nathanael.
Inwiefern spielt der Automat Olimpia eine Rolle in der Argumentation?
Olimpia wird als Materialisation von Nathanaels femininer Einstellung zu seinem Vater gedeutet, was die narzisstische Identität zwischen dem Protagonisten und der Puppe unterstreicht.
Warum bezweifelt die Autorin die Universalität der Freudschen Deutung?
Sie argumentiert, dass Hoffmanns Zeitgenossen noch nicht über die psychologischen Einsichten verfügten, die Freud erst im 20. Jahrhundert entwickelte, und daher die Interpretation kritisch zu sehen ist.
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- M.A. Katja Lindhorst (Author), 2003, „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann im Lichte Freuds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73493