Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Methodik und Praxis des so genannten „Erlanger Modells“ befassen.
Diese Schule erörtert die Möglichkeiten der Wortbildungsanalyse historischer Texte allgemein und betreibt seine Forschungen im Besonderen anhand der Untersuchung des Nürnberger Frühneuhochdeutschen um 1500.
Die Vertreter dieser Schule, namentlich vor allem Mechthild Habermann, Peter O. Müller und Barbara Thomas, wollen mit ihrer Arbeit „in exemplarischer Weise, jedoch auf breiter empirischer Basis, einen Beitrag leisten zur Geschichte der deutschen Wortbildung und zur Methodik einer synchronen, funktional orientierten Wortbildungsanalyse historischer Texte.“ Die Untersuchungen wurden im Rahmen eines von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft und der Universität Erlangen-Nürnberg geförderten Projektes durchgeführt und in drei, nach Wortarten getrennten, Bänden veröffentlicht. Was dieses Modell auszeichnet und wodurch es sich von anderen Modellen unterscheidet, darum soll es im Folgenden gehen. Ich werde dabei vorrangig auf die Methodik dieses Modells, auf deren genaue Dokumentation auch die Beteiligten großen Wert gelegt haben, eingehen und lediglich bei der Schilderung des genaueren Ablaufes der Analyse auf ein Beispiel zurückgreifen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verlaufsrichtungen der Wortbildungsanalyse
2.1. Diachrone Wortbildungsanalyse
2.2. Synchrone Wortbildungsanalyse
3. Erlanger Schule als funktionale Analyse
3.1. Die morpho-semantische Analyse der Innsbrucker Schule
3.1.1. Morphologische Analyse
3.1.2. Semantische Analyse
3.1.2.1. Ermittlung der Motiviertheit
3.2. Besonderheiten historischer Wortbildungsanalysen
3.2.1. Problem des Basisnachweises
3.2.2. Problem der räuml.-zeitl.Einordnung des Basisbelegs
3.2.3. Unzureichende Sprecherkompetenz
3.3. Kompensierende Maßnahmen der Erlanger Schule
3.3.1. Systematische Basensuche
3.3.1.1. Korpusbasiertheit
3.3.1.2. Bedeutungserschließung durch Paraphrasierung
3.2.3. Bestimmung der Motivationsdichte
3.2.3.1. Bewertungsskala nach Müller
4. Praxis der Erlanger Schule
4.1. Das zugrunde liegende Korpus
4.1.1. Das Erlanger Korpus
4.1.2. Bonner Korpus zum Vergleich
4.1.3. Korpora als Grundlage für den korpusexternen Vergleich
4.2. EDV-basierte Verarbeitung
4.3. Analyseschritte am Beispiel des Wortbildungstyps g(e)-∅/(t/d)+(e)
4.3.1. Quantitative Erfassung
4.3.2. Morphologische Untersuchung
4.3.3. Semantische Untersuchung
4.3.3.1. Darstellung nach Wortbildungstypen
4.3.3.2. Darstellung nach Funktionstypen
4.3.3.3. Nicht einortenbare Bildungen
4.3.4. Motivationsdichtebestimmung als Kontrollfaktor
4.3.5. Vergleich mit den Druckschriften
4.3.6. Diachroner Vergleich mit der Gegenwartssprache
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Methodik und praktischen Anwendung des sogenannten „Erlanger Modells“ zur synchronen, funktional orientierten Wortbildungsanalyse historischer Texte (speziell am Beispiel des Nürnberger Frühneuhochdeutschen um 1500) auseinander und erörtert, wie dieses Modell durch spezifische Analyseverfahren fehlende historische Sprecherkompetenz kompensiert.
- Grundlagen und Verlaufsrichtungen der synchronen Wortbildungsanalyse
- Die funktionale Analyse als methodischer Kernansatz
- Herausforderungen der historischen Sprachanalyse und Lösungsstrategien
- Kompensationsmethoden: Basensuche und Motivationsdichte-Skala
- Praktische Umsetzung: Korpusanalyse und EDV-gestützte Verfahren
Auszug aus dem Buch
3.3.2.1. Bewertungsskala nach Müller
Müller ordnet Lexeme anhand einer 6-stufigen Skala verschiedenen Graden der Motiviertheit zu. Dieser Grad richtet sich nach dem Ort und der Zeit, in der die Basis einer Wortbildung belegt ist. Je größer die Nähe der Basis zum Wortbildungsprodukt ist, desto höher wird die Motivationsdichte auf der Müllerschen Skala eingeordnet. Die größte Dichte weist, für das Erlanger Korpus, der Nachweis der Basis im handschriftlichen Nachlass bzw. in den Druckerschriften Albrecht Dürers auf und die geringste der in Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Bewertungsskala sieht wie folgt aus:
Nachweis der Basis in
1. handschriftl. Nachlass bzw. Druckerschriften A.D.s
2. in weiteren Nürnberger Texten um 1500
3. in Glossarien und Wörterbüchern des 15./16.Jh.s, die in Nürnberg gedruckt wurden
4. in Texten und Wörterbüchern, ebenfalls 15./16.Jh., aber nicht in Nürnberg entstanden
5. in Quellen d. 17./18.Jh.s, v.a. Wörterbüchern
6. in Wörterbüchern des 19./20.Jh.
Für jede Basis wird nur der niedrigste Rang angegeben. Müller und Habermann schränken jedoch ein: „Es muss aber berücksichtigt werden, dass diese Klassifikation von Faktoren wie Textsortengebundenheit und Belegzufälligkeit abhängig ist, was unter anderem bedeutet, dass Basen mit Rang 5-7 durchaus auch in Nürnberg gebräuchlich sein konnten.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Erlanger Modells und dessen Zielsetzung, einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Wortbildung mittels funktionaler Analyse zu leisten.
2. Verlaufsrichtungen der Wortbildungsanalyse: Unterscheidung zwischen diachroner und synchroner Betrachtungsweise sowie Begründung für den funktionalen Fokus der Erlanger Schule.
3. Erlanger Schule als funktionale Analyse: Darstellung des methodischen Modells, der Probleme bei der Analyse historischer Sprache und der entwickelten kompensatorischen Maßnahmen.
4. Praxis der Erlanger Schule: Detaillierte Beschreibung der praktischen Anwendung des Modells anhand des Erlanger Korpus, einschließlich technischer Verfahren und exemplarischer Analyseschritte.
5. Zusammenfassung: Resümee über den methodischen Beitrag des Modells und dessen Potenzial für andere sprachhistorische Forschungsfelder.
Schlüsselwörter
Erlanger Modell, Wortbildungsanalyse, Frühneuhochdeutsch, funktionale Sprachwissenschaft, Motiviertheit, Motivationsdichte, historische Linguistik, Korpuslinguistik, Ersatzkompetenz, Wortbildung, Sprachwandel, Albrecht Dürer, morpho-semantische Analyse, Funktionsklasse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Methodik und Praxis des „Erlanger Modells“, welches für die Analyse der Wortbildung in historischen Texten, insbesondere des Nürnberger Frühneuhochdeutschen um 1500, entwickelt wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die synchrone, funktional orientierte Wortbildungsanalyse, die Rekonstruktion von Wortbildungssystemen sowie der Umgang mit der fehlenden „native speaker“-Kompetenz bei historischen Sprachen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Aufbau und die Anwendung des Erlanger Modells zu dokumentieren und zu erläutern, wie dieses Modell durch wissenschaftliche Verfahren belastbare Aussagen über historische Wortbildung ermöglicht.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer korpusgestützten Untersuchung, der systematischen Basensuche, der Verwendung von Paraphrasierung zur Bedeutungserschließung sowie dem Einsatz einer speziellen Skala zur Bestimmung der Motivationsdichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung der funktionalen Analyse, die Bewältigung spezifischer historischer Probleme (z.B. Basisnachweis), die Beschreibung des Korpus und die EDV-basierte Verarbeitung sowie die kleinteilige Darstellung der Analyseschritte an einem Beispiel.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Erlanger Modell“, „Motivationsdichte“, „funktional orientierte Analyse“ und „Ersatzkompetenz“.
Wie kompensiert die Erlanger Schule die fehlende Sprecherkompetenz?
Die Schule nutzt eine „Ersatzkompetenz“, die vor allem durch eine systematische Basensuche und eine eigens entwickelte 6-stufige Bewertungsskala zur Motivationsdichte erreicht wird, um Entscheidungen intersubjektiv nachprüfbar zu machen.
Warum spielt die Bestimmung der Motivationsdichte eine so zentrale Rolle?
Sie ist notwendig, um zu entscheiden, ob ein Wort eine tatsächlich analysierbare Wortbildung oder nur ein feststehendes Simplizium ist, und um den Grad der Wahrscheinlichkeit für die Bedeutung im historischen Kontext zu bewerten.
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- Petra Döllefeld (Author), 2005, Methodik und Praxis der Erlanger Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61780