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Idealisierung versus Entmystifizierung menschlicher Kommunikation im Drama. Ein Vergleich von Goethes Iphigenie auf Tauris und Tschechows Möwe

Title: Idealisierung versus Entmystifizierung menschlicher Kommunikation im Drama. Ein Vergleich von Goethes Iphigenie auf Tauris und Tschechows Möwe

Seminar Paper , 2000 , 27 Pages , Grade: 1

Autor:in: Tina Hanke (Author)

Theater Studies, Dance
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Summary Excerpt Details

Der Mensch kann sich in seiner Noth vermöge der Sprache nicht mehr zu erkennen geben, also sich nicht wahrhaft mittheilen: bei diesem dunkel gefühlten Zustande ist die Sprache überall eine Gewalt für sich geworden, welche nun wie mit Gespensterarmen die Menschen fasst und schiebt, wohin sie eigentlich nicht wollen; sobald sie mit einander sich verständigen und zu einem Werke zu vereinigen suchen, erfasst sie der Wahnsinn der allgemeinen Begriffe, ja der reinen Wortklänge [...]. Diese bereits 1876 in seiner Vierten Unzeitmäßigen Betrachtung geäußerte Sprachskepsis Nietzsches verweist wie kaum ein anderes Dokument auf den Kern von Tschechows Werk und gleichzeitig auf eines der Hauptthemen des naturalistischen Dramas allgemein: die gestörte Kommunikation „gestörter“ Individuen. Glaubte das bürgerliche Bildungstheater des 18. Jahrhunderts noch an eine ideale Kommunikationsgemeinschaft autonomer Individuen und die sprachliche Fassbarkeit der Welt, bestimmen im naturalistischen Drama die schonungslose Darstellung des „alltäglichen Wahns“, ein absolutes Unvermögen der Figuren, ihren Gefühlen verbal Ausdruck zu verleihen, und Themen wie Kontaktlosigkeit, Isolation und Langeweile das Geschehen. Nicht länger kennzeichnen den Menschen die Fähigkeit zur freien Persönlichkeitsentfaltung, zur ehrlichen Kommunikation und zum bewussten Sich- Entschließen. Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel (Industriekapitalismus etc.) ändert sich die Auffassung vom Menschen als eine geschlossenen Persönlichkeit. Das erweiterte Weltbild stellt das Individuum in ganz neue Bezüge „außer sich“, und der freie Entschluss wird durch die gesellschaftliche Determination des Handelns abgedrosselt.

Insbesondere das Künstlerdrama Die Möwe (Uraufführung: 17.10.1896 am Kaiserlichen Alexandertheater in St. Petersburg) des russischen Dramatikers Anton Tschechow greift diese gesellschaftliche Entwicklung auf und zeichnet ein beklemmendes Portrait orientierungsloser Individuen, zwischen denen ein wahrer menschlicher Kontakt unmöglich scheint. Auch ihre Flucht in die Kunst soll sich als Sackgasse erweisen. Anstatt ihnen den Weg zu sich selbst und den Mitmenschen zu ebnen, betäubt sie doch nur die innere Leere, das „Ennui“, und verhindert somit gerade die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst. Tschechows Figuren leiden an unterdrückter Sehnsucht, an ihrer Zukunftslosigkeit, an der Öde ihres Daseins, an ihrer Ichbefangenheit, an ihrem Versagen und an ihren unerfüllten Lieben.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlung

2.1. Mythos versus Alltagsproblematiken

2.2. Handlungseinheit versus Polymythie

2.3. Ausschnitt als Ganzes versus Ganzes in Ausschnitten

3. Raum- und Zeitkonzeption

3.1. Einheit versus Vielseitigkeit

3.2. Rahmenfunktion versus Wirkungsmacht

3.3. Allgemeines versus Einmaliges

4. Figuren

4.1. Autonome Heilige versus gescheiterte Existenzen

4.2. Ideenträger versus Menschen

4.3. Hochgradiges Bewusstsein versus Ungezügelt-Unbewusstes

5. Sprache

5.1. Kunstsprache versus Alltagssprache

5.2. Rededuell versus Aneinandervorbeireden

5.3. Thematisieren versus Schweigen

6. Resümee

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht den fundamentalen Kontrast zwischen Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als klassischem Ideendrama und Anton Tschechows „Die Möwe“ als Beispiel für ein naturalistisches, offenes Drama, wobei das Hauptaugenmerk auf der Darstellung menschlicher Kommunikation und deren Störungen liegt.

  • Vergleich von geschlossener und offener Dramenform
  • Analyse der Raum- und Zeitkonzeptionen als dramaturgische Mittel
  • Gegenüberstellung von idealisierten Ideenträgern und psychologisch komplexen Alltagsfiguren
  • Untersuchung der Sprachfunktion: Kunstsprache versus authentischer Dialog
  • Die Bedeutung von Schweigen und Subtext in der modernen Dramatik

Auszug aus dem Buch

Ausschnitt als Ganzes versus Ganzes in Ausschnitten

Auch gilt für Goethes Ideendrama, was Volker Klotz in seiner Analyse Geschlossene und offene Form im Drama zur offenen Handlung allgemein schreibt:

Die Handlung des geschlossenen Dramas bietet den Höhepunkt einer schon lange angelaufenen, vor dem Beginn des Dramas einsetzenden Entwicklung dar. Auf eine fest umgrenzte, einheitliche Raum-, Zeit- und Ereignisspanne sich beschränkend, ist sie deutlicher Ausschnitt aus einem Größeren. Betrachtet man dieses Größere, räumlich, zeitlich und pragmatisch Komplexere, so scheint die Handlung nur Teil, nur Phase einer Entwicklung. Im durchgeführten Drama jedoch schwindet der Eindruck des Partiellen. Der Ausschnitt verliert seinen Teilcharakter, der Teil wird zum Ganzen, die Vorgeschichte wird integriert.8

Diese Eigenschaft des geschlossenen Dramas, einen Teil als Ganzes zu präsentieren, wird insbesondere durch die Einleitung unterstützt, die den Ausschnittcharakter ausgleicht, indem sie die gesamte Vorgeschichte und auch Verweise auf die Zukunft integriert (s. Iphigenies Eingangsmonolog). Die Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbezogenheit heben ihre Spannungen gegenseitig auf und erwecken so den Eindruck eines harmonischen Ganzen.

Bei Tschechow verhält es sich jedoch genau andersherum. Nicht ein Teil als Ganze, sondern das Ganze in Ausschnitten wird dargestellt. Tschechow beansprucht für sich, die gesamte Realität mit all ihren Facetten abzubilden und nicht wie Goethe bloß diejenigen Teile, die zur Darstellung und Unterstützung einer bestimmten Idee hilfreich sind. Diese Gesamtheit menschlichen Lebens kann Tschechow natürlich nur in einzelnen Fragmenten auf die Bühne holen, die jedoch alle als selbständige Teile zu betrachten sind.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Sprachskepsis und das naturalistische Drama ein, wobei Tschechows „Die Möwe“ als Gegenentwurf zum bürgerlichen Bildungstheater des 18. Jahrhunderts positioniert wird.

2. Handlung: Hier werden die inhaltlichen und formalen Unterschiede zwischen der idealistischen Mythosverarbeitung bei Goethe und der Darstellung alltäglicher Problematiken sowie der fragmentarischen Handlungsführung bei Tschechow herausgearbeitet.

3. Raum- und Zeitkonzeption: Das Kapitel analysiert, wie Tschechow Zeit und Raum als aktive Wirkungsfaktoren nutzt, um das Elend seiner Figuren zu verdeutlichen, während diese bei Goethe einen neutralen Rahmen bilden.

4. Figuren: Es erfolgt eine Gegenüberstellung von Iphigenie als autonomer, idealisierter Persönlichkeit und Tschechows gescheiterten, durch unbewusste Triebe geleiteten Existenzen.

5. Sprache: Untersucht wird der Gegensatz zwischen der kunstvollen Blankvers-Sprache Goethes und dem assoziativen, oft in Sprachlosigkeit mündenden Alltagsdialog bei Tschechow.

6. Resümee: Die Arbeit resümiert, dass beide Dramentypen komplementäre Pole der Theatergeschichte darstellen, wobei Tschechows Ansatz der gestörten Kommunikation eine zeitlose Aktualität besitzt.

Schlüsselwörter

Dramenanalyse, Iphigenie auf Tauris, Die Möwe, Goethe, Tschechow, Ideendrama, offenes Drama, geschlossenes Drama, Kommunikation, Kommunikationstheorie, Naturalismus, Klassik, Figurenkonzeption, Sprachskepsis, Schweigen

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die formalen und inhaltlichen Unterschiede zwischen dem klassischen Ideendrama „Iphigenie auf Tauris“ von Goethe und dem naturalistischen Drama „Die Möwe“ von Tschechow.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Kategorien Handlung, Raum- und Zeitkonzeption, Figurenkonzeption sowie die Gestaltung von Sprache und Kommunikation.

Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche dramaturgische Mittel dazu beitragen, entweder ein ideales Weltbild zu vermitteln oder die Realität gestörter menschlicher Kommunikation offenzulegen.

Welche wissenschaftliche Methode wird hier angewendet?

Es handelt sich um einen komparativen (vergleichenden) Literaturvergleich, der gängige literaturwissenschaftliche Konzepte (wie die Theorie der geschlossenen und offenen Form) auf die beiden Werke anwendet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der genannten Kategorien, in denen die Gegensätze zwischen Idealität (Goethe) und Realitätsnähe/Entmystifizierung (Tschechow) detailliert gegenübergestellt werden.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Analyse charakterisieren?

Typische Schlüsselwörter sind Dramenanalyse, Ideendrama, offenes Drama, Kommunikation, Naturalismus, Klassik und Figurenkonzeption.

Wie unterscheidet sich die Darstellung von Raum und Zeit in den beiden Werken?

Bei Goethe dienen Zeit und Raum als statischer, unbedeutender Rahmen, während sie bei Tschechow zu „sprechenden Orten“ werden, die aktiv auf das psychische Befinden der Figuren einwirken.

Warum spielt das „Schweigen“ eine so zentrale Rolle im Vergleich?

Während Goethe Dialogpausen durch den Text thematisiert und deutet, fungiert das Schweigen bei Tschechow als bloße Leerstelle, die die Unfähigkeit der Figuren zur echten zwischenmenschlichen Verbindung und die Existenz eines Subtextes verdeutlicht.

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Details

Title
Idealisierung versus Entmystifizierung menschlicher Kommunikation im Drama. Ein Vergleich von Goethes Iphigenie auf Tauris und Tschechows Möwe
College
LMU Munich  (Institut für Theaterwissenschaft)
Course
Proseminar II: Einführung in die Dramenanalyse
Grade
1
Author
Tina Hanke (Author)
Publication Year
2000
Pages
27
Catalog Number
V34199
ISBN (eBook)
9783638344951
ISBN (Book)
9783656760405
Language
German
Tags
Idealisierung Entmystifizierung Kommunikation Drama Vergleich Goethes Iphigenie Tauris Tschechows Möwe Proseminar Einführung Dramenanalyse
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tina Hanke (Author), 2000, Idealisierung versus Entmystifizierung menschlicher Kommunikation im Drama. Ein Vergleich von Goethes Iphigenie auf Tauris und Tschechows Möwe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34199
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