Da um 1200 beinahe alle deutschen Romane auf eine französische Vorlage zurückgehen, gibt der Vergleich mit der französischen Quelle Aufschluss über die künstlerische Individualität und den Anteil der Durchformung durch den deutschen Autor. Wie hat ein Schriftsteller also die Vorlage verändert, mit welcher Intention und wie beeinflusste er damit auch die Gesamtpräsentation des Stoffes? Dies sind Fragen, die man nur durch den genauen Textvergleich lösen kann. Der Rückgriff auf Quellen war im Mittelalter üblich, da es nicht gefragt war neue Stoffe zu erfinden, sondern höchstes Gebot, Wahrheit zu verbreiten. Diese Wahrheit wurde nur unter Berufung auf vorangegangene Quellen beglaubigt und fand meist im Vorwort statt. Damit wurden die Texte für die mittelalterlichen Rezipienten glaubwürdig. Auch einer der beliebtesten französischen Dichter dessen Werke von vielen deutschen Autoren adaptiert wurden, Chrétien de Troyes, gibt nicht vor etwas zu erfinden, sondern erklärt viele kleinere Erzählungen zu einem Sinnganzen zusammenzufügen und gilt damit als Begründer der ‚bele conjointure’.
Die deutschen Dichtungen weichen in der Regel in Nuancen von ihren Vorlagen ab und gerade in dieser Abweichung kann man das Besondere der Literatur erkennen. Wolfram von Eschenbach dagegen, der wahrscheinlich zwischen 1200 und 1210 den Parzival verfasste, hatte weitaus mehr Spielraum in seiner Dichtung, da Chrétien de Troyes Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal, zwischen 1180 und 1190 verfasst, kein fertiggestellter Roman war. Es gilt heute als sicher, dass Wolframs Quelle dieser Roman Chrétiens war, auch wenn der Erzähler im Parzival behauptet, die Geschichte von einem Provenzalen Namens Kyot gehört zu haben. Die Bücher 3-12 des Parzival gehen auf Chrétien zurück, während die Vorgeschichte und die ‚Fertigdichtung’ des Roman de Perceval alleinig Wolframs Schaffung sind. Für diesen Teil zog er wahrscheinlich verschiedene Motive aus anderen, damals bekannter Geschichten heran. Auch hat Wolfram besonders in der Gralszene einiges, was er sich vielleicht nicht erklären konnte, zu seiner Hauptvorlage verändert. Vielleicht erfand er daher Kyot, damit man seiner Geschichte nicht die Glaubwürdigkeit absprechen konnte.
Gerade aus diesen Gründen ist Wolframs Parzival und besonders die Szene auf der Gralburg, so interessant. Hier scheint man besonders viel über den künstlerischen Stil und die Individualität des Autors Wolfram von Eschenbach zu erfahren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung – Adaption Courtoise und der Parzival Wolfram von Eschenbach
2 Hauptteil
2.1. Der Weg zur Gralburg
2.2. Empfang auf der Gralburg
2.3. Die Gralprozession
2.3.1 Schwert und Lanze
2.3.2 Der Gral und die Speisung
2.4. Die Nacht auf der Gralburg und das ‚böse’ Erwachen
3 Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand eines komparativen Textvergleichs die künstlerische Individualität von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ im Vergleich zu seiner französischen Vorlage, dem „Conte du Graal“ von Chrétien de Troyes, mit einem Fokus auf die Gralburg-Szene.
- Analyse der Adaptionstechnik mittelalterlicher Dichtungen
- Gegenüberstellung der erzählerischen Darstellung von Gralburg-Szenen
- Untersuchung von symbolischen Elementen wie der Lanze und dem Gral
- Vergleich der Motivgestaltung und Figurenbeschreibung
- Evaluation des Einflusses der höfischen Kultur auf den Erzählstil
Auszug aus dem Buch
2.1. Der Weg zur Gralburg
Schon Parzivals Weg zur Gralburg wird von den beiden Autoren sehr unterschiedlich gestaltet. Rein äußerlich beschreiben die Szenerie bei Chrétien 94 Zeilen, von Vers 2975, als Perceval Blancheflor verlassen hat, bis Vers 3069, als er auf der Gralburg empfangen wird. Wolfram benötigt dafür 122 Zeilen. Er beschreibt dabei unter anderem den Fischer, die Burg und den Kummer den Parzival hat, weil er Condwiramurs verlassen hat, ausführlicher. Parzival, der mittlerweile mit Condwiramurs verheiratet ist, bzw. Perceval, der bei Chrétien Blancheflor als Freundin errungen hat, will nun ausziehen und seine Mutter suchen. Dieses Motiv hat Wolfram von Chrétien übernommen, jedoch ist die Sorge um die Mutter im Conte du Graal weitaus ausgeprägter: „seine Mutter liegt ihm am Herzen [...]; sie aufzusuchen, ist sein drängenstes Anliegen. Der junge Perceval reitet den ganzen Tag im Gebet vertieft und bittet Gott, seine Mutter lebend zu finden.
„Unablässig flehte er zu Gott, dem Vater im Himmel, ihn (doch) in seiner Allmacht die Mutter blühend vor Leben und Gesundheit vorfinden zu lassen“.
Der Held kommt schließlich an einen reißenden Fluss und erhofft sich durch dessen Überquerung auf der anderen Seite die Mutter wiederzufinden. Im Gegensatz zu Chrétiens Perceval, will Wolframs Parzival nicht allein nach seiner Mutter suchen, sondern, wenn es sich so ergeben sollte, auf dem Weg auch ‚âventiure’ bestehen: „dar will ich ze einer kurzen stunt, / und ouch durch âventiure zil“. Er hat also nicht allein die Mutter im Kopf, als er von Condwiramurs aufbricht. Entscheidend ist der Unterschied wie er an das Gewässer, in diesem Fall einen See, an dem er den Fischerkönig trifft, gelangt. Parzival ist nicht aus Sorge um seine Mutter ins Gebet vertieft, sondern durch den Abschied von Condwiramurs so bedrückt, dass er seinem Pferd die Zügel überlässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung – Adaption Courtoise und der Parzival Wolfram von Eschenbach: Die Einleitung erläutert die Bedeutung der französischen Vorlagen für deutsche Romane um 1200 und stellt die methodische Herangehensweise des Textvergleichs vor.
2 Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Weges zur Gralburg, des Empfangs, der Gralprozession und der nächtlichen Ereignisse, wobei die Abweichungen zwischen Chrétien und Wolfram detailliert aufgezeigt werden.
2.1. Der Weg zur Gralburg: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedliche Gestaltung des Weges und der Ankunft des Helden an der Gralburg sowie die Einführung der Figur des Fischerkönigs.
2.2. Empfang auf der Gralburg: Hier steht die Untersuchung der Begrüßung des Helden, der Rolle der Burgbewohner und der symbolischen Bedeutung von Gastgeschenken und Rüstungsdetails im Vordergrund.
2.3. Die Gralprozession: Dieses Kapitel analysiert den zeremoniellen Ablauf der Gralsprozession, inklusive der Unterschiede in der Darstellung von Lanze und Gral.
2.3.1 Schwert und Lanze: Fokussiert auf die differierenden Zeitpunkte und Bedeutungen der Schwertübergabe sowie die Symbolik der blutenden Lanze bei beiden Autoren.
2.3.2 Der Gral und die Speisung: Untersucht die Beschreibung des Grals und die Durchführung der Speisung der Gralgemeinschaft als zentrales Element der höfischen Zeremonie.
2.4. Die Nacht auf der Gralburg und das ‚böse’ Erwachen: Behandelt die nächtlichen Erlebnisse des Helden und den Umgang der Autoren mit dem „Bogengleichnis“ und dem Aufbruch am nächsten Morgen.
3 Schluss: Das Fazit fasst die literarischen Eigenleistungen Wolframs zusammen und bewertet seine künstlerische Abhebung von der Vorlage und anderen zeitgenössischen Dichtern.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Chrétien de Troyes, Conte du Graal, Gralburg, Literaturvergleich, Adaption, Mittelalterliche Literatur, Gralszene, Anfortas, Höfische Dichtung, Artusroman, Symbolik, Munsalvaesche, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Wolfram von Eschenbach in seinem Werk „Parzival“ die französische Vorlage „Conte du Graal“ von Chrétien de Troyes adaptiert und durch welche erzählerischen Mittel er eine eigene künstlerische Note setzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Vergleich der Gralburg-Szenerie, die symbolische Bedeutung von Gral und Lanze sowie die psychologische Ausgestaltung der Protagonisten und des Hofzeremoniells.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch einen genauen Textvergleich aufzuzeigen, wie und mit welcher Intention Wolfram von Eschenbach die Vorlage verändert hat, um seinen eigenen erzählerischen Stil und seine Individualität als Autor zu präsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode des komparativen Textvergleichs, bei dem die Originaltexte von Wolfram von Eschenbach und Chrétien de Troyes systematisch gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise den Handlungsverlauf in der Gralburg, angefangen beim Weg des Helden, über den Empfang und die Prozession, bis hin zur nächtlichen Schilderung des Geschehens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Adaption, höfische Dichtung, Parzival, Conte du Graal und Gralszene charakterisieren die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Literatur.
Warum spielt die Figur des Fischerkönigs eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Der Fischerkönig dient als zentrale Figur für den Vergleich der Trauermotive und der medizinischen/symbolischen Bedeutung der Wunde, die in den beiden Romanen unterschiedlich gewichtet wird.
Was unterscheidet Wolframs Gral-Darstellung von der seines französischen Vorbildes?
Während Chrétien den Gral als kostbare Schale beschreibt, entwickelt Wolfram ihn zu einem Stein-Symbol mit der Funktion eines Speisespenders, das tief in ein komplexes höfisches Zeremoniell eingebettet ist.
- Quote paper
- Katrin Fischotter (Author), 2002, Ein Vergleich von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Chrétien du Troyes „Conte du Graal“. Die Szene auf der Gralsburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29742