Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte scheinen ein neues Licht auf die alte Frage der menschlichen Willensfreiheit zu werfen.
Das Gehirn als Teil der empirisch zugänglichen wissenschaftlichen Welt mit seinen Kausalgesetzen und letztlich seiner Determiniertheit scheint in einer neuen Weltsicht an die Stelle des Menschen als intentional und frei handelndes Ich getreten zu sein. Die vordergründige Konsequenz, somit uns als Menschen nicht als frei sondern eben nach naturwissenschaftlichen Gesetzen determiniert zu sehen entspricht trotzdem nicht unserem alltäglichen Grundverständnis, unserer Grundintuition, unserem alltäglich Sprachgebrauch, in dem wir uns als frei handelnd empfinden. Im Folgenden sollen die empirischen Untersuchungen eines der bekanntesten kognitiven Neurowissenschaftlers unserer Zeit (Michael S. Gazzaniga) kurz referiert und die daraus abgeleiteten Hypothesen untersucht werden. Zu Hilfe genommen wird das dabei Werk von Bennett & Hacker „Philosophical Foundations of Neuroscience“.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Der freie Wille des Menschen versus neuronaler Determiniertheit
2 Michael S. Gazzanigas neurowissenschaftliche Untersuchungen und Thesen zum freien Willen
2.1 Gazzanigas neurowissenschafliche Untersuchungen: „Split Brain“ und ihre Schlussfolgerungen
2.2 Gazzanigas aktuelle Thesen zum freien Willen in „Who´s in charge?“
3 M.R. Bennett & P.M.S Hacker: „Philosophical Foundations of Neuroscience“
3.1 Kritik durch Bennett & Hacker an Gazzingas Schlussfolgerungen
3.2 Analyse der aktuellen Thesen Gazzanigas im Sinne von Bennett & Hacker
4 Diskussion und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zur neuronalen Determiniertheit und dem menschlichen Konzept der Willensfreiheit. Dabei wird kritisch analysiert, ob die empirischen Forschungsergebnisse von Michael S. Gazzaniga – insbesondere seine Interpretationen von Split-Brain-Phänomenen – philosophisch tragfähig sind oder ob sie, wie von Bennett & Hacker postuliert, auf einem merologischen Fehlschluss beruhen.
- Gegenüberstellung von neurowissenschaftlichem Determinismus und menschlicher Handlungsfreiheit
- Analyse der Split-Brain-Forschung und deren post-hoc-Rationalisierung
- Kritik an der Zuschreibung psychologischer Attribute auf neuronale Strukturen (merologischer Fehlschluss)
- Unterscheidung zwischen Kausalität (neuronal) und Gründen (willentlich)
- Die Rolle der Sprache in der philosophischen Begriffsbildung nach der Tradition Wittgensteins
Auszug aus dem Buch
3.1 Kritik durch Bennett & Hacker an Gazzingas Schlussfolgerungen
Here [...] we find the merological fallacy in neuroscience running amok. (Bennett & Hacker 2003, 390)
The brain does not have a mind, and neither do the two hemispheres of the brain. [...] Michael Gazzaniga´s description of the experimental data resulting from split-brain operations which he is attempting to explain are conceptually awry. The suggestion that ‘mind left dealt with the world differently than mind right seemed to be the major conclusion of studies during this era’ (Gazzaniga 1997, 1392) is not merely incorrect [...]; it is incoherent. It is human beings, not their brains, that are said to have two minds, and to say that is simply that human beings have an array of distinctive capacities. The fact that one of these capacities become dissociated as a result of commissurectomy does not show that the capacities belong to their brains, let alone to the hemisphere of their brains. (Bennett & Hacker 2003, 106)
But if is senseless to ascribe knowledge to the brain, as opposed to the person, it is equally senseless to ascribe knowledge (or ignorance) to one hemisphere of the brain, let alone to suppose that the other hemisphere sees things. [...]. The forms of functional dissociation consequent on commissurectomy can readily be described without transgressing the bounds of sense in this way. (Bennett & Hacker 2003, 153)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Der freie Wille des Menschen versus neuronaler Determiniertheit: Die Einleitung führt in die Problematik ein, ob der Mensch als durch Naturgesetze determiniertes Wesen oder als intentional handelndes Ich verstanden werden muss.
2 Michael S. Gazzanigas neurowissenschaftliche Untersuchungen und Thesen zum freien Willen: Dieses Kapitel referiert die Split-Brain-Forschung und Gazzanigas Versuch, diese Erkenntnisse mit einem kompatibilistischen Determinismus zu verknüpfen.
2.1 Gazzanigas neurowissenschafliche Untersuchungen: „Split Brain“ und ihre Schlussfolgerungen: Es werden die neurologischen Grundlagen der Callosotomie und die daraus abgeleitete funktionelle Trennung der Hirnhemisphären erläutert.
2.2 Gazzanigas aktuelle Thesen zum freien Willen in „Who´s in charge?“: Hier wird Gazzanigas Ansatz untersucht, das Konzept des freien Willens auf eine höhere, soziale Ebene der Emergenz zu heben.
3 M.R. Bennett & P.M.S Hacker: „Philosophical Foundations of Neuroscience“: Das Kapitel stellt die philosophische Kritik vor, die sich gegen die Vermischung von empirischen Hirndaten und psychologischen Begriffsgebungen richtet.
3.1 Kritik durch Bennett & Hacker an Gazzingas Schlussfolgerungen: Es wird dargelegt, warum die Zuweisung von kognitiven Fähigkeiten an Gehirnhälften aus Sicht der Autoren konzeptionell inkohärent ist.
3.2 Analyse der aktuellen Thesen Gazzanigas im Sinne von Bennett & Hacker: Dieser Teil prüft, ob Gazzaniga in seinem aktuellen Werk dem merologischen Fehlschluss erfolgreich entgeht oder weiterhin in diesen verfällt.
4 Diskussion und Zusammenfassung: Die Diskussion fasst zusammen, dass eine Rückbesinnung auf alltagssprachliche Handlungsbegriffe notwendig ist, um den Konflikt zwischen Kausalität und Gründen zu lösen.
Schlüsselwörter
Willensfreiheit, Determinismus, Neurowissenschaften, Split-Brain, Michael S. Gazzaniga, Bennett & Hacker, Merologischer Fehlschluss, Emergenz, Kompatibilismus, Handlungstheorie, Kausalität, Gründe, Sprachphilosophie, ordinary language philosophy, Neurophilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die Verbindung zwischen neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, wie sie Michael S. Gazzaniga präsentiert, und der philosophischen Frage nach der Willensfreiheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Determinismus des Gehirns, die Interpretation von Split-Brain-Daten, der merologische Fehlschluss und die Abgrenzung von Kausalität und Gründen bei menschlichem Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine Gegenüberstellung von Gazzanigas Thesen mit der philosophischen Kritik von Bennett & Hacker, um zu klären, ob neurowissenschaftliche Daten allein unser Verständnis von Freiheit neu definieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der philosophischen Begriffsanalyse, um die Konsistenz und logische Zulässigkeit der Schlussfolgerungen aus empirischen Studien zu überprüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Gazzanigas Analysen zur Hemisphärenspezialisierung und sein aktueller kompatibilistischer Ansatz unter Berücksichtigung des Emergenzprinzips sowie die Kritik von Bennett & Hacker detailliert gegenübergestellt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind insbesondere Willensfreiheit, merologischer Fehlschluss, neurobiologischer Determinismus und die Unterscheidung von Ursache und Grund.
Wie bewertet der Autor Gazzanigas Versuche, den merologischen Fehlschluss zu vermeiden?
Der Autor stellt fest, dass Gazzaniga zwar den Versuch unternimmt, durch das Prinzip der Emergenz auf eine soziale Ebene zu wechseln, dabei aber inkonsequent bleibt und weiterhin psychologische Attribute auf neuronale Strukturen projiziert.
Warum ist laut der Arbeit die Unterscheidung zwischen „Ursache“ und „Grund“ so wichtig?
Die Arbeit betont, dass Handlungen, die aus Gründen erfolgen, nicht einfach durch neuronale Ursachen ersetzt werden können, da sonst der Begriff der „willentlichen Handlung“ seinen Sinn verlöre.
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- Dr Lars Wojtecki (Author), 2013, Sind wir neuronal determiniert oder frei?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267654