„Politik ist die Kunst des Möglichen.“ Dieser vielfach zitierte Ausspruch von Otto von Bismarck fasst auf prägnante Weise zusammen, dass Politik dazu da sein sollte, Perspektiven zu eröffnen und möglich zu machen. In der jüngsten Geschichte der Bundesrepublik Deutschland haben wir durchaus Beispiele dafür, wie Politiker die Kunst der Politik erfolgreich ausgeübt haben. Die Entspannungspolitik Willy Brandts eröffnete dem geteilten Deutschland neue Perspektiven und legte den Grundstein dafür, dass es 1990 zur Wiedervereinigung kommen konnte, die ein weiteres Beispiel der „Kunst des Möglichen“ ist. Auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Beispiele für das Versagen der Politik. So zeigte sich bereits kurze Zeit nach der Wiedervereinigung, dass die im Zuge der Wiedervereinigung gemachten Versprechen der „blühenden Landschaften“ in Ostdeutschland nicht oder noch nicht realisierbar waren. Der anfänglichen Euphorie folgte Resignation, und auch in der aktuellen Lage, mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, tun sich die „Künstler des Möglichen“ schwer, dem wiedervereinigten Deutschland Zukunftsperspektiven deutlich zu machen.
Anhand dreier Regierungserklärungen aus den Jahren 1972, 1990 und 1994 sollen in dieser Seminararbeit diese eben erwähnten Etappen aus linguistischer Sicht näher beleuchtet werden. Eine Regierungserklärung Willy Brandts vor dem Bundestag am 23. Februar 1972 wird dabei mit zwei Regierungserklärungen aus den Jahren 1990 und 1994 verglichen, die vor dem sachsen-anhaltinischen Landtag gehalten wurden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Gies vom 02.11.1990
2.1 Redekontext
2.2 Redeinterne Merkmale
2.2.1 Makrostruktur
2.2.2 Initiatoren
2.2.3 Terminatoren
2.2.4 Schlüsselwörter
2.2.5 Gruppenbezeichnungen
2.2.6 Strukturelle Anordnungsprinzipien
2.2.7 Leerformeln
2.2.8 Nominalsätze
2.2.9 Parenthesen
3 Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Höppner vom 08.09.1994
3.1 Redekontext
3.2 Redeinterne Merkmale
3.2.1 Makrostruktur
3.2.2 Initiatoren
3.2.3 Terminatoren
3.2.4 Schlüsselwörter
3.2.5 Gruppenbezeichnungen
3.2.6 Strukturelle Anordnungsprinzipien
3.2.7 Leerformeln
3.2.8 Nominalsätze
3.2.9 Parenthesen
3.2.10 Zwischenrufe
4 Vergleich der Regierungserklärungen aus dem Landtag Sachsen-Anhalts mit der Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt vom 23. Februar 1972
4.1 Redexterne Merkmale der Regierungserklärungen
4.2 Redeinterne Merkmale der Regierungserklärungen
5 Résumé
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert und vergleicht die Redesorte „Regierungserklärung“ anhand dreier historischer Beispiele aus dem Landtag von Sachsen-Anhalt sowie dem Deutschen Bundestag. Das primäre Ziel ist es, unter Anwendung eines linguistischen Analyserasters sowohl die externen als auch die internen Merkmale dieser politischen Redeform herauszuarbeiten und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in Abhängigkeit vom politischen Kontext und den jeweiligen Akteuren zu identifizieren.
- Linguistische Analyse der Redesorte „Regierungserklärung“
- Untersuchung von Initiatoren, Terminatoren und Schlüsselwörtern
- Bedeutung der Gruppenbezeichnungen und struktureller Anordnungsprinzipien
- Vergleich zwischen bundes- und landespolitischen Regierungserklärungen
- Einfluss des politischen Kontextes auf die Redestruktur und den Wortschatz
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Schlüsselwörter
Mehrere Gruppen an Schlüsselwörtern prägen die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten. Grundsätzlich kann man sagen, dass im Hauptteil jeder einzelne der aufgeführten Schwerpunkte unterschiedliche Schlüsselwortbereiche beinhaltet. Im Wesentlichen beinhaltet die Kurzvorstellung der politischen Ziele zu Beginn des Hauptteils die jeweiligen Schlüsselwörter, da jeder Punkt inhaltlich kurz umrissen wird. So ist es beim zweiten Schwerpunktbereich beispielsweise wenig überraschend, dass die Schlüsselwörter „Wirtschaft“ und „Arbeit“ hervortreten, ergänzt durch zahlreiche mit ihnen gebildete Komposita wie „Wirtschaftspolitik“, „Wirtschaftsstandort“, „Wirtschaftsentwicklung“, „Arbeitgeber“ oder „Arbeitsplätze“. Die durch Simmler erfolgte Aufteilung in verschiedene Gruppen lässt sich in diesem Redeexemplar größtenteils nachvollziehen, jedoch ist eine Zuordnung zu den gegebenen Gruppen nicht in jedem Fall eindeutig. Deswegen werde ich im Folgenden zwar zunächst eine Zuordnung nach dem von Simmler angewandten Schema vornehmen, dann aber auch auf die Gruppen an Schlüsselwörtern näher eingehen, die meines Erachtens nicht ohne Weiteres diesem Schema zuzuordnen sind. Dabei sollen die Verbindungen der Schlüsselwörter zueinander im Mittelpunkt stehen.
Als allgemeines Ziel der Regierungsarbeit benennt Gies zunächst einleitend, dass Sachsen Anhalt „bald zu einem blühenden Land im Herzen Deutschlands wird und die Menschen hier in Freiheit, Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit leben können.“ „Freiheit“, „Wohlstand“ und „Gerechtigkeit“ sind erste Schlüsselwörter, welche die Ziele der Politik angeben. Die „Freiheit“ zusammen mit den Adjektiven „freiheitlich“ und „frei“ der gleichen Wortfamilie prägt wesentliche Abschnitte der Regierungserklärung. Hinzu kommt ein Schlüsselwort, welches weit gehend synonym zum Freiheitsbegriff verwendet wird, das der „Demokratie“ bzw. sein Adjektiv „demokratisch“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der „Regierungserklärung“ als politischer Redesorte ein und definiert das Ziel der linguistischen Untersuchung anhand der drei ausgewählten Reden.
2 Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Gies vom 02.11.1990: Das Kapitel analysiert die erste Regierungserklärung in Sachsen-Anhalt, wobei der Fokus auf dem politischen Neubeginn und der damit verbundenen Antithetik von Alt und Neu liegt.
3 Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Höppner vom 08.09.1994: Hier wird die zweite, von einer Minderheitsregierung geprägte Regierungserklärung untersucht, insbesondere die hohe Frequenz von Zwischenrufen und deren Einfluss auf die Redestruktur.
4 Vergleich der Regierungserklärungen aus dem Landtag Sachsen-Anhalts mit der Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt vom 23. Februar 1972: In diesem Kapitel werden die Landtagsreden mit dem historischen Beispiel des Bundestages verglichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Struktur und Kontext aufzuzeigen.
5 Résumé: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass die Regierungserklärung trotz unterschiedlicher Kontexte nach ähnlichen politischen „Spielregeln“ funktioniert.
Schlüsselwörter
Regierungserklärung, politische Rede, Linguistik, Sachsen-Anhalt, Deutscher Bundestag, Schlüsselwörter, Gruppenbezeichnungen, Initiatoren, Terminatoren, politische Kommunikation, Landtag, Ministerpräsident, Wiedervereinigung, Parlamentsdebatte, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Analyse der Redesorte „Regierungserklärung“ und untersucht deren funktionale Bestandteile sowie die Einbettung in den parlamentarischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die strukturelle Gliederung der Reden, die Verwendung von Schlüsselwörtern, die Identifikation von Gruppenbezeichnungen sowie die Untersuchung von Initiatoren und Terminatoren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Vergleich der Regierungserklärungen verschiedener Ministerpräsidenten sowie eines Bundeskanzlers, um zu klären, wie politische Ziele sprachlich formuliert und durch den parlamentarischen Kontext beeinflusst werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein linguistisches Analyseraster angewandt, das sich primär an der Methode von Franz Simmler orientiert, um die Organisationseinheit der politischen Rede textuell zu betrachten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Einzelanalyse der Regierungserklärungen von Dr. Gies und Dr. Höppner sowie einen anschließenden komparativen Vergleich dieser mit einer historischen Rede Willy Brandts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind neben „Regierungserklärung“ vor allem „politische Kommunikation“, „parlamentarischer Kontext“ und die spezifischen linguistischen Kategorien wie „Initiatoren“ und „Schlüsselwörter“.
Welchen Einfluss haben Zwischenrufe auf die untersuchten Reden?
Zwischenrufe dienen in den untersuchten Reden (besonders bei Höppner) als Indikator für das politische Klima; sie können die Struktur der Rede beeinflussen und zeigen den Grad des Konsenses zwischen Regierung und Opposition auf.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen den Regierungserklärungen in Bund und Land?
Der Hauptunterschied liegt in den rechtlichen Kompetenzen: Während auf Bundesebene auch außenpolitische Schwerpunkte eine Rolle spielen können, sind diese in den landespolitischen Regierungserklärungen aufgrund der föderalen Kompetenzverteilung kaum präsent.
- Quote paper
- Carsten Knobloch (Author), 2004, Die politische Rede: "Regierungserklärung" im Landtag und Bundestag der Bundesrepublik Deutschland - Ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26163