Durch meine Arbeit in der offenen Jugendarbeit werde ich beinahe täglich mit den verschiedensten Phänomenen der deutschen Sprache konfrontiert. Viele dieser Sprachvariationen sind durch eine heterogene Mischung der sozialen Gruppe begründet, mit der ich im Zuge dieser Arbeit in Kontakt komme. Zusätzlich weise ich, durch mein Studium der Germanistik, sicherlich eine erhöhte Sensibilität bezüglich der deutschen Sprache auf, sodass mir Abweichungen von der Standardsprache möglicherweise eher auffallen, als anderen Menschen. Oftmals handelt es sich dabei auch um Soziolekte, in einigen Fällen lassen sich diese Phänomene jedoch nicht mit einem Begriff der Linguistik fassen.
A: „Ey, bist du Bus oder Fahrrad?
Y: „Ne, ich bin Fahrrad hier.“
A: „Kommst du nachher mit Busse [Bushaltestelle]?“
Y: „Ne, ich hab‘ nichts Lust dafür!“
Diese Anekdote aus meinem Alltag soll die Intention dieser Arbeit verdeutlichen, warum es wichtig ist, sich mit dem Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen, sei es mit oder ohne Migrationshintergrund, zu befassen.
Im Zuge dieser Arbeit werde ich die gegenwärtige Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft kurz skizzieren und auf das deutsche Schulsystem übertragen. Dazu beziehe ich mich auf die curricularen Vorgaben für das Fach Deutsch und werde kurz auf die Ergebnisse von PISA eingehen. Anschließend versucht diese Arbeit die Ursachen von Bildungsdefiziten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu erläutern. Der Hauptteil meiner Arbeit konzentriert sich dann natürlich auf die Möglichkeiten zur Beseitigung der bestehenden Bildungsdefizite. Dies wird über das exemplarische Vorstellen von drei Förderungsprogrammen mit unterschiedlichen Ansätzen geschehen, die abschließend von mir kritisch betrachtet und reflektiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangslage
2.1. Migranten in der BRD und dem deutschen Bildungssystem
2.2. Curriculare Vorgaben im Fach Deutsch an niedersächsischen Hauptschulen
2.3. Ergebnisse aus PISA 2006
3. Mögliche Ursachen von Bildungsdefiziten bei Migranten
4. Wege aus dem Bildungsdefizit – Chancen für Migranten durch Förderprogramme
4.1. Allgemeine Grundlagen
4.2. vorschulische Sprachförderung
4.2.1. Deutsch für den Schulstart
4.2.2. Das Kieler Modell
4.3. Sprachförderung in der Sek. I – FörMig
5. Konsequenzen und Erkenntnisse aus den Förderprogrammen – ein vergleichendes und kritisches Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Problematik von Bildungsdefiziten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem zu untersuchen und verschiedene Förderprogramme hinsichtlich ihrer Ansätze zur Beseitigung dieser Nachteile kritisch zu reflektieren.
- Analyse der bildungspolitischen Ausgangslage und PISA-Ergebnisse.
- Untersuchung sozioökonomischer und kultureller Ursachen für Bildungsdefizite.
- Vorstellung und Vergleich dreier spezifischer Förderkonzepte (Deutsch für den Schulstart, Kieler Modell, FörMig).
- Kritische Auseinandersetzung mit der Effektivität und den didaktischen Ansätzen der Programme.
- Diskussion über die Integration von Herkunftssprachen und die Rolle des Elternhauses.
Auszug aus dem Buch
4.2.2. Das Kieler Modell
Das Kieler Modell ist ein durch das Jugendamt der Stadt Kiel initiiertes Projekt. Der Grund hierfür lag darin begründet, dass im städtischen Kindergarten nur noch Kinder aus Migrantenfamilien gemeldet waren, die wenig oder keine Deutschkenntnisse aufwiesen. Daher wurde der Entschluss gefasst, ein Förderungsprogramm zu entwickeln, welches zum Einen das Fehlen der deutschen Spiel- und Gesprächspartner kompensieren kann und zum Anderen die sprachliche Entwicklung anregt. Nach der Auswertung verschiedener Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Hirnforschung und des frühen Zweitspracherwerbs entschloss man sich, das Projekt nicht, wie bisher etabliert, auf die intensive Wortschatzvermittlung hin zu konzipieren, sondern den Schwerpunkt vielmehr auf das Anbahnen der Literalität zu setzen. Außerdem erkannte man schnell die Notwendigkeit der Kooperation mit den Eltern der Kinder. Das Förderungskonzept wurde an 15 türkischen Kindern im Alter zwischen 3,5 Jahren und 6 Jahren über einen Zeitraum von 2,5 Jahren erprobt und während dieser Zeit permanent wissenschaftlich begleitet.
Mit Orientierung an diesen Leitfragen wurden verschiedene Überlegungen zum Konzept des Projektes angestrengt. So einigte man sich darauf, dass die Vermittlung der L2 nicht ausreiche, um Kindern aus bildungsfernen Familien einen adäquaten Zugang zum Bildungssystem zu gewährleisten. Solchen Kindern muss zwingend fehlendes Weltwissen vermittelt werden. Dieses Weltwissen kann optimal über den Gebrauch der L1 erlernt werden, da die Strukturen der L1 bei den Lernern schon gefestigt sind. Das bedeutet jedoch auch, dass die Eltern von Anfang an ein fester Bestandteil des Projektes sein müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Motivation der Autorin, die durch ihre Erfahrungen in der Jugendarbeit und ihr Studium geprägt ist, und skizziert das Anliegen der Arbeit.
2. Ausgangslage: Dieses Kapitel beschreibt die statistische Überrepräsentation von Migrantenkindern an Hauptschulen und analysiert die curricularen Vorgaben sowie die Ergebnisse der PISA-Studie 2006.
3. Mögliche Ursachen von Bildungsdefiziten bei Migranten: Hier werden sozioökonomische Faktoren, soziale Isolation und sprachliche Barrieren als Ursachen für Bildungsdefizite identifiziert.
4. Wege aus dem Bildungsdefizit – Chancen für Migranten durch Förderprogramme: In diesem Hauptteil werden drei Förderkonzepte (Deutsch für den Schulstart, Kieler Modell, FörMig) hinsichtlich ihrer methodischen Ausrichtung detailliert vorgestellt.
5. Konsequenzen und Erkenntnisse aus den Förderprogrammen – ein vergleichendes und kritisches Fazit: Das Fazit bewertet die vorgestellten Projekte kritisch und fordert eine grundlegende Neustrukturierung des Schulsystems zur Chancengleichheit.
Schlüsselwörter
Bildungsdefizite, Migrationshintergrund, deutsche Schule, Sprachförderung, PISA 2006, Deutsch als Zweitsprache, Kieler Modell, FörMig, Literalität, Bildungschancen, interkulturelles Lernen, Mehrsprachigkeit, Integration, Bildungsbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Bildungsbenachteiligungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem und untersucht, welche Ansätze zur Förderung dieser Gruppen existieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Analyse der Ist-Situation, die Ergründung von Ursachen für Bildungsdefizite sowie die Vorstellung und kritische Bewertung spezifischer Sprachförderungsprogramme.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie durch Förderprogramme und didaktische Konzepte bestehende Bildungsdefizite abgebaut werden können, um eine bessere Bildungsteilhabe zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, dem Auswerten statistischer Daten (PISA) sowie einer vergleichenden, kritischen Betrachtung verschiedener Förderkonzepte aus der pädagogischen Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf drei Förderprogramme: "Deutsch für den Schulstart", das "Kieler Modell" und das länderübergreifende Programm "FörMig", deren didaktische Strategien im Detail vorgestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sprachförderung, Migrationshintergrund, Bildungsdefizite, Literalität und interkulturelle Pädagogik charakterisiert.
Warum spielt das Kieler Modell eine besondere Rolle in der Bewertung?
Das Kieler Modell zeichnet sich durch die intensive Einbindung der Eltern, die Nutzung der Muttersprache und die wissenschaftliche Begleitung aus, was es von rein curricular-orientierten Ansätzen abhebt.
Welche Kritik äußert die Autorin an Programmen wie "Deutsch für den Schulstart"?
Die Autorin kritisiert eine zu starke Fokussierung auf isolierte Wortschatzvermittlung ohne ausreichende Einbettung in den Alltagskontext und vernachlässigte sozioökonomische Faktoren.
- Quote paper
- René Zach (Author), 2010, "Deutsches Sprache, schweres Sprache", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157426