Die vorliegende Arbeit versucht, die Einflusse philosophischer Konzeptionen Friedrich
Nietzsches und der Musik Richard Wagners auf Ästhetik und Handlung der Novelle „Der Tod
in Venedig“ von Thomas Mann mit der Hilfe der Forschungsliteratur zu verdeutlichen.
Zusammen mit Schopenhauer stellen Nietzsche und Wagner die bedeutendsten Zeitgenossen
dar, die das Werk Thomas Manns beeinflussten. Thomas Mann beschäftigte sich vor allem
mit den philosophischen Ideen Friedrich Nietzsches und setzte sich dabei auch mit der Frage
nach der Funktion der Kunst auseinander.
Thomas Mann rezipierte Nietzsches „Geburt der Tragödie“ und ließ sich von den
Kunstgewalten der griechischen Antike, Apollon und Dionysos, inspirieren. Er schrieb die
Novelle „Tod in Venedig“ in Form einer Tragödie und bezeichnete sie als „Eine
novellistische Tragödie der Entwürdigung“. Nietzsche glaubte an die „Wiedergeburt der
Tragödie“ und an die „Wiederkehr des Dionysos“. Thomas Mann ließ Dionysos, den
„fremden“ Gott, Venedig betreten und das sittlich geregelte Leben in Chaos verwandeln. Er
ließ den Protagonisten der Novelle „Gustav Aschenbach oder von Aschenbach“ sich im
dionysischen Rausch verflechten, und diese Hinwendung zum Dionyischen bedeutet
gleichzeitig eine Hinwendung zu Ästhetizismus und Dekadenz. Thomas Mann schreibt, er
gehöre zu den Schriftstellern, welche mit der Überwindung der Dekadenz wenigstens
experimentieren, bleibt aber im Bann Wagners, also ein Dekadent. Richard Wagner und seine
künstlerische Techniken, begeistern ihn und Thomas Mann empfindet es als richtig „so und
nicht anders zu dichten“. Deshalb muss er Wagner nachahmen, auch wenn er sich bewußt ist,
dass die Beschäftigung mit Wagners Kunst für ihn zu einem Masochismus des Geistes wird.
Er setzt sich mit dem Vorwurf Nietzsches an Wagner wegen der berechneten und gezielten
Wirkung beim Publikum auseinander und versucht, den Künstler aus der Schuld zu befreien,
denn nicht nur Wagner ist von diesem Vorwurf betroffen, sondern auch Thomas Mann selbst.
Die Rezeption von Nietzsches Konzeptionen und die leidenschaftliche Auseinandersetzung
mit der Künstlerexistenz Wagners spiegeln sich in der Novelle „Tod in Venedig wieder; was.
die vorliegende Arbeit zu verdeutlichen versucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Philosophische Konzeption Nietzsches über die Funktion der Kunst
2.1 Apollon und Dionysos
2.2 Das Dionysische in „Der Tod in Venedig“
3. Nietzsche, Wagner, Thomas Mann
3.1 Ambivalenz der Gefühle
3.2 Hinwendung zur Ästhetik und zur Dekadenz
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einflüsse der philosophischen Konzepte Friedrich Nietzsches sowie der Musik Richard Wagners auf die Ästhetik und Handlung von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und analysiert dabei die künstlerische Verarbeitung von Dekadenz und Künstlerexistenz.
- Rezeption von Nietzsches Konzepten von Apollon und Dionysos
- Die Rolle der Musik Richard Wagners im Werk Thomas Manns
- Analyse von Künstlerexistenz, Dekadenz und Ästhetizismus
- Mythologisierung von Handlung und Figuren in „Der Tod in Venedig“
- Der Zusammenhang von Schopenhauers Pessimismus und Manns Ästhetik
Auszug aus dem Buch
2.1 Apollon und Dionysos
Am Anfang seiner „Geburt der Tragödie“ bemerkt Nietzsche, „dass viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen“ sei, wenn man die Bedeutung des Apollonischen und Dionysischen durchschaut habe. Laut Peter Pütz können diese beiden Kunstelemente nicht auf die „ästhetische Wissenschaft“ beschränkt werden - dafür tragen sie eine zu große Bedeutung. Diese Begriffe haben eher einen metaphysischen als einen kunstgeschichtlichen Sinngehalt, was auch den Umgang der Philologen mit der „Geburt der Tragödie“ erklärt, deren empirische Einsprüche das Wesentliche des Werkes übersehen. So Peter Pütz: „Das Dionysische und Apollinische sind nicht bloße ästhetische Schemata, denen einmal Musik, Tanz usw., zum anderen Epos, bildende Kunst usw. entsprächen, sondern sie sind als unmittelbare Mächte der Natur wirksam und äußern sich als Rausch und Gestaltung, als mystische Gemeinsamkeit und Individuation.“ Diese werden von Nietzsche als „Kunsttriebe der Natur“ und die Künstler als „Nachmacher“ bezeichnet.
Die Beschreibung der beiden Gottheiten bei Friedlich Nösselt lautet so: Apollon, Sohn des Gottvaters Zeus und der Göttin Leta und Zwillingsbruder des Artemis, war Gott der Weissagung, der Musik und der Bogenkunde. Ihm werden Helden- und Wundertaten wie z.B. die Tötung des Drachens von Python und die Übernahme des Orakels von Delphi zugeschrieben. Als sein Wahrzeichen gilt die Leier. „Als Gott der Musik war er der Freund und Vorsteher der Musen“, weshalb er auch der Musenführer genannt wird. Die Römer verehrten ihn als Sonnengott. „In dieser Funktion galt er als Garant von sittlicher Ordnung und ethischer Harmonie.“
Dionysos ist der Sohn von Zeus und der sterblichen Semele. „Er lehrte [die Menschen] die Kunst, die Weinreben anzupflanzen und aus den Trauben Wein zu pressen [...]. In seinem Gefolge war eine Menge trunkener Männer und Weiber, oder wie Dichter es zarter ausdrücken, begeistert durch seine Segnungen: Mänaden, Silenen, Satyrn, die laut jauchzend vor und hinter ihm herzogen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Vorhaben, die Einflüsse von Nietzsche und Wagner auf Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ unter Rückgriff auf Forschungsliteratur aufzuzeigen.
2. Philosophische Konzeption Nietzsches über die Funktion der Kunst: Es wird Nietzsches philosophische Bestimmung von Kunst, insbesondere im Kontext von Verfall und Dekadenz, theoretisch hergeleitet.
2.1 Apollon und Dionysos: Dieses Unterkapitel erläutert die Bedeutung der beiden Grundtriebe Apollon und Dionysos als zentrale metaphysische Mächte bei Nietzsche.
2.2 Das Dionysische in „Der Tod in Venedig“: Hier wird analysiert, wie Aschenbachs Weg in den dionysischen Rausch die Novellenstruktur und sein Schicksal als Künstler bestimmt.
3. Nietzsche, Wagner, Thomas Mann: Der Fokus liegt auf der Bedeutung Wagners für Thomas Manns Ästhetik und die parallele kritische Auseinandersetzung mit Nietzsches Wagner-Kritik.
3.1 Ambivalenz der Gefühle: Es wird untersucht, wie Mann als Autor eine kritische Distanz zu Wagners Technik wahrt, während er gleichzeitig von ihr fasziniert bleibt.
3.2 Hinwendung zur Ästhetik und zur Dekadenz: Dieses Kapitel behandelt die Verbindung von Kunst, Verfall und Dekadenz, in der Thomas Mann als „Dekadenz-Denker“ verortet wird.
6. Schlussbemerkung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Thomas Mann trotz seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche ein lebenslanger, wenn auch reflexiver, Bewunderer Wagners blieb.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Dekadenz, Ästhetizismus, Apollon, Dionysos, Künstlerexistenz, Schopenhauer, Mythos, Tragödie, Gustav von Aschenbach, Psychologie, Kunstphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Einflüsse von Friedrich Nietzsche und Richard Wagner auf Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Konzepte von Apollon und Dionysos, das Wesen der Dekadenz, die Rolle der Künstlerexistenz und das Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Wiederspiegelung von Nietzsches Kulturphilosophie und Wagners Musikästhetik im Werk Manns transparent zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine detaillierte Analyse der Sekundärliteratur zu Nietzsche, Wagner und Thomas Mann, um die Parallelen in den Werken und im Leben der Künstler aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die philosophische Konzeption von Kunst, die mythologische Symbolik (Apollon/Dionysos) in der Novelle und die psychologische Ambivalenz Manns gegenüber Wagners künstlerischer Technik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dekadenz, Ästhetizismus, Tod, Schönheit, Künstlerexistenz und Mythos.
Warum spielt der Name des Protagonisten Aschenbach eine Rolle für das Hauptmotiv?
Der Name assoziiert "Asche" als Überrest erloschenen Feuers, unter der jedoch eine Glut schimmert, was das dionysische Potenzial und die Verstrickung in die Dekadenz symbolisiert.
Wie wird das Verhältnis von Thomas Mann zu Richard Wagner beschrieben?
Das Verhältnis ist ambivalent: Mann bewundert Wagners künstlerische Technik und Leitmotivik, erkennt aber als „Schüler“ Nietzsches auch die Gefahren des dekadenten Artistismus.
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- Maia Tabukashvili (Author), 2002, Einflüsse Nietzsches und Wagners auf Thomas Manns "Tod in Venedig", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14602