"Trouver une langue" – das rimbaudsche Postulat steht paradigmatisch für die
Schwierigkeit, einen geeigneten Beschreibungsmodus für Texte zu finden, die mit
der mimetischen Bestimmung von Literatur brechen.
Die Notwendigkeit, neue Kategorien für die Beschreibung moderner Lyrik zu finden,
wurde bereits 1956 von Hugo Friedrich erkannt.1 Doch mündete diese Erkenntnis bei
Friedrich in die Beschreibung moderner Lyrik durch negative Kategorien wie
"Abnormität" oder "Zerstörungswut", die zwar die Texte eines Rimbaud von
traditioneller europäischer Versdichtung absetzen, aber nicht zu ihrem tieferen
Verständnis beitragen.
Die Interpretationen beziehungsweise Textbeschreibungen von Stierle2 (1966) und
Kloepfer/Oomen3 (1970) weisen dahingegen in eine andere Richtung: durch die
systematische Untersuchung semantischer und phonologischer Textkonstituenten
zeigen sie auf, daß das scheinbare Chaos und die vielbeschworene Sprachzerstörung
in den Illuminations nicht Zweck, sondern Mittel zur Schaffung einer neuen
Kohärenz ist, die die Funktion des referentiellen Zusammenhangs übernimmt.
Im Rahmen der Seminararbeit soll durch eine exemplarische Analyse der
Vertextungsverfahren des Prosagedichts Métropolitain einer kohärenzbildenden
Struktur hinter der Fremdheit der sprachlichen Zeichen nachgegangen werden.
Gleichzeitig soll den oben genannten negativen Kategorien der sprach- und
weltschöpferische Impuls, dem die Zerstörungsarbeit vorausläuft, entgegengesetzt
werden.
Vor dem Hintergrund eines Bruchs mit den zeitgenössischen Regel- und
Normsystemen illustrieren die Lettres du voyant den radikalen ästhetischen Anspruch
des jungen Rimbaud an zukünftige Dichtung.5 [...]
1 Hugo Friedrich, Die Struktur der modernen Lyrik, Hamburg 1956.
2 K.-H. Stierle, „Möglichkeiten des dunklen Stils in den Anfängen moderner Lyrik in Frankreich“,
in: W. Iser (Hg.), Immanente Ästhetik – ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma der Moderne,
München 1966, S. 157-194.
3 Kloepfer/Oomen, Sprachliche Konstituenten moderner Dichtung, Bad Homburg 1970 gelingt es
durch minutiöse Textbeschreibungen nach linguistischen Kriterien, klare sprachliche Strukturen
herauszuarbeiten.
5 Rimbaud setzte sich intensiv mit den zeitgenössischen literarischen Systemen wie dem Parnasse
und der Romantik auseinander und fand über die Imitation , an dieser Stelle sei lediglich das Hugo-Patiche Le Forgeron genannt, zu einem genuinen Ausdruck.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Voyant-Briefe
2.1 Poiesis oder handlungsbezogene Dichtung
2.2 Le poète-voyant
2.3 Trouver une langue
3. Analyse des Prosagedichts Métropolitain
3.1 Thematischer Impuls und Titelgebung
3.2 Vertextungsverfahren in Métropolitain
3.2.1 "Déconstruction et reconstruction" – die zwei Pole des "poème-illumination"
4. Konklusion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Rimbauds programmatische Ästhetik, wie sie in den "Lettres du voyant" theoretisch formuliert und in seinem Prosagedicht "Métropolitain" praktisch angewandt wird, um den Prozess der Wirklichkeitszerstörung und der damit einhergehenden Schaffung einer "poetischen Gegenwelt" nachzuvollziehen.
- Analyse der "Voyant-Briefe" als programmatische Grundlage von Rimbauds Dichtung.
- Untersuchung der "Entregulierung der Sinne" als systematisches poetisches Verfahren.
- Exemplarische Textanalyse von "Métropolitain" hinsichtlich seiner Vertextungsverfahren.
- Intertextuelle und phonologische Kohärenzbildung in der modernen Lyrik.
- Die Rolle der "poetischen Gegenwelt" gegenüber der mimetischen Darstellung von Realität.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 "Déconstruction et reconstruction" – die zwei Pole des "poème-illumination"
Zerschlagt die Begriffe, und die Wirklichkeit als Zwangssystem wird in sich zusammenbrechen", könnte man als Devise Rimbauds aus den Illuminations herauslösen. Jedoch wird die Zerstörung der Realität durch die Kopplung semantischer und pragmatischer Verfahren der Dunkelheit bei Rimbaud nie zum Selbstzweck, sondern unmittelbare Voraussetzung für die Schaffung einer "poetischen Gegenwelt", die losgelöst von den Gesetzen der Realität existiert.
Im folgenden möchte ich zuerst einige semantische und pragmatische Verfahren der Inkohärenzbildung herausarbeiten, um ihnen anschließend die kohärenzstiftenden Elemente, wobei ich mich auf die intertextuelle und phonologische Ebene beschränken werde, entgegenzusetzen.
Von der ersten Zeile an stürzt eine Bilderflut auf den Leser ein. Wie in einer rasanten Filmmontage werden unglaubliche Distanzen ("Du détroit d'indigo aux mers d'Ossian") spielerisch überbrückt, Landschaftsfetzen ziehen am Leser vorbei und hinterlassen nur durch ihre dominant farbliche Skizzierung einen Eindruck. Der Dynamismus der ersten Zeile zieht sich durch die beiden ersten Strophen und dominiert ihre Struktur. Sowohl die Syntax als auch die Semantik zeugen von einer unglaublichen Hast, die das Gedicht vorwärts treibt. Die dominante Verwendung von Verben wie "monter, croiser, fuir, se recourber, se réculer" und "descendre" legt einen besonderen Nachdruck auf die Bewegung und führt Höhen- und Tiefenstrukturen ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den theoretischen Rahmen vor, der Rimbauds Abkehr von der mimetischen Literaturtheorie hin zu einer eigenständigen, sinnkonstituierenden modernen Lyrik beschreibt.
2. Die Voyant-Briefe: Dieses Kapitel erläutert Rimbauds programmatische Briefe, die das Konzept des Sehers (poète-voyant) und die Notwendigkeit einer neuen, nicht-traditionellen Dichtungssprache begründen.
2.1 Poiesis oder handlungsbezogene Dichtung: Hier wird Rimbauds Auffassung von Dichtung als aktiver, in das Leben integrierter Bestandteil analysiert, der mit der passiven "poésie subjective" bricht.
2.2 Le poète-voyant: Das Kapitel analysiert den Prozess der systematischen Selbstschöpfung des Dichters zum Seher, um durch eine bewusste Entregulierung der Sinne das "Unbekannte" zu erreichen.
2.3 Trouver une langue: Es wird die Forderung nach einer universellen, alle Sinne ansprechenden Dichtungssprache untersucht, die über tradierte ästhetische Normen hinausgeht.
3. Analyse des Prosagedichts Métropolitain: Die Analyse des konkreten Prosagedichts verdeutlicht anhand von Textstellen, wie Rimbauds ästhetische Thesen in der Praxis umgesetzt werden.
3.1 Thematischer Impuls und Titelgebung: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der Titel "Métropolitain" semantische Ambivalenzen nutzt und den Rezipienten zur Sinnsuche anregt.
3.2 Vertextungsverfahren in Métropolitain: Es wird untersucht, wie durch semantische und phonologische Verfahren Inkohärenz im Text erzeugt und gleichzeitig eine neue Kohärenz geschaffen wird.
3.2.1 "Déconstruction et reconstruction" – die zwei Pole des "poème-illumination": Dieser Unterpunkt vertieft die Analyse der dynamischen Montagetechnik und der phonologischen Strukturierung als Mittel der poetischen Gegenweltbildung.
4. Konklusion: Das Fazit fasst zusammen, dass Rimbaud durch die gezielte Zerstörung der banalen Wirklichkeit eine autonome poetische Welt schafft, die den Dichter als "créateur" ausweist.
Schlüsselwörter
Arthur Rimbaud, Illuminations, Métropolitain, Voyant-Briefe, Moderne Lyrik, Prosagedicht, Entregulierung, Poetik, Ästhetik, Kohärenz, Symbolismus, Synästhesie, Sprachzerstörung, Signifiant, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die poetische Konzeption des französischen Dichters Arthur Rimbaud, indem sie seine theoretischen Äußerungen in den "Voyant-Briefen" mit seiner tatsächlichen dichterischen Praxis im Prosagedicht "Métropolitain" vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Bruch mit traditionellen ästhetischen Normen, das Konzept der "Entregulierung" der Sinne, die Funktion des modernen Prosagedichts und die Schaffung einer neuen, autonomen Sprachwirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu zeigen, dass Rimbaud durch eine bewusste Zerstörung logisch-semantischer Strukturen ("Inkohärenz") keine reine Anarchie erzeugt, sondern eine neue "poetische Gegenwelt" als kreativen Akt konstituiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt Methoden der literaturwissenschaftlichen Textanalyse, insbesondere unter Heranziehung rezeptionsästhetischer Ansätze sowie der Untersuchung sprachlicher Textkonstituenten auf semantischer und phonologischer Ebene.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Ausarbeitung der Voyant-Poetik und die anschließende exemplarische Analyse von "Métropolitain", wobei besonders auf die Strukturierung durch Bilderfluten, Klangwiederholungen und intertextuelle Verweise eingegangen wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie "poète-voyant", "dérèglement", "étrangeté", "Illuminations" und "Signifiant" geprägt.
Wie trägt die "Entregulierung der Sinne" zur Ästhetik Rimbauds bei?
Sie ist keine bloße Sucht oder Lebensführung, sondern ein systematischer Arbeitsprozess des Dichters, um herkömmliche Wahrnehmungsgrenzen zu überschreiten und eine neue Sicht auf die Welt zu gewinnen.
Welche Rolle spielt die Großstadt als Inspirationsquelle in "Métropolitain"?
Die Großstadt fungiert als Ort unzähliger Beziehungen und als strukturelles Modell für den Text, das Rimbaud erlaubt, Einzelelemente durch phonologische und semantische Netzwerke neu zu verknüpfen.
- Quote paper
- Alexandra Müller (Author), 1998, Der Entwurf einer programmatischen Ästehtik in Theorie und Praxis - Rimbauds Lettres du voyant und das Prosagedicht Métropolitain, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12713